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14.10.2011
„Das wesentliche Thema bei der Personalplanung ist die attraktive Gestaltung der Arbeit“
Herr Grunenberg, bitte stellen Sie sich und Ihren
Aufgabenbereich unseren Lesern zu Beginn kurz vor.
Ich bin seit 20 Jahren als Unternehmensberater tätig. Zu meinen
Schwerpunkten gehören Unternehmensführung und
Unternehmenskommunikation, insbesondere die Bereiche strategische
Planung, Prozessmodellierung und Controlling. Zu unseren Aufgaben
gehört die Formulierung strategischer Vorgaben und die
Unterstützung bei der Umsetzung. Für die Konzepte entwickeln wir
die entsprechenden Kennzahlen. Zusätzlich schaffen wir für den
kommunikativen Bereich die Basis dafür, dass die neuen Vorhaben
verstanden werden und von den Führungsebenen umgesetzt werden
können.
Wie stark ist der Bereich Personalcontrolling oder strategische
Belegschaftsplanung dabei vertreten?
Bei größeren Reorganisationsprojekten oder Sicherung der
Unternehmensperformance sind diese Bereiche eigentlich stets
vertreten. Dabei geht es nämlich immer auch um die langfristige
Sicherung der quantitativen und qualitativen
Unternehmensressourcen, damit also um die strategische
Auseinandersetzung mit Personal.
Ihre Perspektive umfasst das gesamte Unternehmen. Welche
Unternehmensbereiche sollten für eine strategische Personalplanung
miteinbezogen werden?
Definitiv alle Fachbereiche, denn um deren Zukunft geht es
schließlich. Auch, wenn einige Abteilungen strategisch keine so
entscheidende Rolle spielen, sollten sie grundsätzlich alle von
Anfang an eingebunden werden. Sie sollten aus den übergeordneten
Unternehmenszielen Strategien und daraus dann Personalpläne
erarbeiten. Der Bereich des Personalmanagements erstellt
Beschaffungspläne und legt den entsprechenden Qualifikationsbedarf
fest. In einigen Fällen sind statt Beschaffungsplänen
Freisetzungspläne vonnöten. Auf einer übergeordneten Ebene sollten
sogenannte Querschnittsfunktionen Themen der gesellschaftlichen
Veränderung wie zum Beispiel Frauen, Gleichstellung, Nachhaltigkeit
und Integration berücksichtigen.
Welche Vorraussetzungen müssen Unternehmen schaffen, um eine
systematische Steuerung von Belegschaften sicherstellen zu
können?
Steuerung bedeutet die permanente Kontrolle und Abstimmung von
Zielen, Maßnahmen und Störfaktoren. Regelmäßige Kontrolle stellt
sicher, dass der eingeschlagene Weg nach wie vor der richtige ist,
um die Planungsziele innerhalb der vorgegebenen Maßnahmen,
Strukturen und Zeitfenster erreichen zu können. Reine
Plan-Ist-Abweichungsanalysen reichen hier nicht aus.
In Fragen des Personals sollte Steuerung nicht allein die Finanzen
betreffen, sondern auf jeden Fall auch die Unternehmenskultur. Das
gehört zu den Grundvoraussetzungen. Die Verantwortung dafür obliegt
den Fachbereichen. Bei einer simplen Delegation von den
Fachbereichen an das Personalcontrolling wären langfristige
Perspektiven nicht sicher zu erstellen.
Die zweite Voraussetzung mag zunächst trivial klingen, ist aber
nicht selbstverständlich. Unabdingbar ist eine solide Datenbasis,
die Kosten und Aufwand beschreibt. In der Regel sind Ist-Daten
hierfür im Rahmen der Planungen vorhanden. Ergänzt werden sollten
auf jeden Fall Umfelddaten, die wirtschaftliche und
gesellschaftliche Prognosen berücksichtigen. Das ist zwar mit
Aufwand verbunden, gehört aber zu einer umfassenden Steuerung in
jedem Fall dazu.
Eine weitere Voraussetzung betrifft die Richtungsänderung des
Berichtswesens im Unternehmen. Die üblicherweise vorherrschende
Berichterstattung von unten nach oben schießt das mittlere
Management, also die operativen Führungskräfte, meist aus. Für eine
effektive Steuerung sollte diese Gruppe aber auch
bereichsübergreifend miteingeschlossen werden. Dies sollte in einem
systematischen Berichts- und Kommunikationssystem verankert sein,
das zeitnahe Analysen und Maßnahmenentwicklung sicherstellt.
Mit welchen Maßnahmen erstellt man ein mittelfristig
handlungsleitendes Mitarbeiter-Portfolio?
Hierzu kann ich sechs maßgebliche Schritte nennen:
1. frühzeitige Einbindung des Personalbereichs in die
Strategieentwicklung inklusive der Vergabe von
Mitbestimmungsrechten
2. Planung des mittelfristigen Personalbedarfs unter
Berücksichtigung von Anzahl, Zeit, Qualifikation und Ort, erstellt
von den Fachbereichen
3. Abstimmung mit der Finanz- und Kostenplanung
4. Kommunikation in alle Führungsebenen, strategische Aussagen für
alle verständlich formulieren
5. Institutionalisierte Steuerungsmeetings in monatlicher oder
Quartals-Abfolge des Personalbereichs mit den einzelnen
Business-Units.
6. Moderations- und Initiativfunktionen an den Personalbereich
übertragen, am besten in Form von Prozess-Paten oder als Process
Owner.
Welche KPIs sind bei der Steuerung hilfreich?
Bei KPIs gilt es, echte Leistungskennzahlen von einfachen Key
Indicators zu unterscheiden. Letztere, wie zum Beispie Fulltime
Aquivalents, bilden keine Leistung ab, sondern nur quantitative
Informationen.
Echte Leistungskennzahlen hingegen dienen der klassischen
Maßnahmenableitung. Hilfreich und wichtig sind hinsichtlich der
Wettbewerbsfähigkeit Zahlen für Mitarbeiterumsatzproduktivität. Mit
ihnen lassen sich Benchmarks und Zeitreihenanalysen erstellen, die
Entwicklungen und neue Fragestellungen aufzeigen. KPIs zur
Fluktuation, zum Krankenstand und zu Personalbeschaffungskosten
geben nicht nur Auskunft über finanzielle Aspekte, sondern zeichnen
ein wichtiges Bild von der herrschenden Unternehmens- und
Führungskultur.
Wichtig ist zu überprüfen, in wieweit die eingesetzten KPIs
strategiekonform sind, das heißt in wieweit sie mit den
strategischen Zielen des Unternehmens verbunden werden können.
Leider findet diese Überprüfung heute nicht immer statt, KPIs
werden von Projekt zu Projekt „weitergeschleppt“ und als
standardisiertes Reporting übernommen, ohne ihre strategische
Relevanz zu behalten.
Können Sie von Erfahrungen mit Szenariosimulationen und
entsprechenden Maßnahmen berichten?
Ich arbeite regelmäßig damit. Vor allem die Korridordarstellung,
die sowohl Worst-Case als auch Best-Case darstellt, finde ich aus
dreierlei Gründen hilfreich. Die vielseitigere Betrachtung bietet
dem operativen Management mehr Freiräume, weshalb man auf deutlich
weniger harte Abwehrmaßnahmen stößt. Da für beide Fälle bereits
Handlungsszenarien erarbeitet wurden, können die entsprechenden
Handlungsaktionen schneller eingeleitet werden. So sind auch
Planrevisionen schneller und überlegter zu realisieren. Ferner
ermöglicht diese umfassendere Perspektive bei Verhandlungen mit
Banken, Investoren und Behörden, dass Einflussfaktoren genannt und
alle Planungsmöglichkeiten transparent gemacht werden. Bei externen
Partnern verleiht das mehr Glaubwürdigkeit.
Gibt es spezielle Controlling-Möglichkeiten, die den
Mitarbeiterbedarf in 5-10 Jahren prognostizieren kann?
Zukünftige Ist-Zustände kann man meiner Erfahrung nach nicht
voraussagen. Auf großer Ebene sind kaum saubere Prognosen möglich.
Alternativ können aber unter Beibehaltung aller Faktoren
Hochrechnungen erstellt werden.
Einen Spezialfall stellt die Beschaffungsplanung dar. Abgangszahlen
und weitere Informationen von Universitäten, Ausbildungen und
Weiterbildungen liefern oft konkrete Hinweise, die auch zu
Prognosen führen, wenn wir externe und interne Planungen
zusammenfließen lassen.
Kann man angesichts der konjunkturellen Schwankungen überhaupt
sagen, wie langfristig Prognosen heutzutage erstellt werden
sollten?
Das funktioniert nur im Rahmen von handwerklich sauber
durchgerechneten Szenarien. Aber auch dann ist das Ergebnis nur
relativ genau und irgendwo „dazwischen“ findet sich wahrscheinlich
die Wahrheit.
Was ich aber prognostizieren kann, sind andere Dinge. Für sicher
halte ich in naher Zukunft eine gesteigerte Anforderung an
Flexibilität und schnellere Reaktionszeiten. Das heißt, Unternehmen
werden den Personalaufwand weg von sprungfixen Kosten stärker in
den variablen Bereich schieben. Angesichts unserer hochdynamischen
Märkte und der Abhängigkeit vom Finanzsystem werden Unternehmen das
als Ziel formulieren müssen.
Können Unternehmen Ihrer Meinung nach schon jetzt „Vorsorge
treffen“ und diese Auswirkungen in ihren Planungen
berücksichtigen?
Die letzte Krise zeigte uns, dass das größte Problem die
Fixkostenblöcke hochqualifizierter Fachkräfte darstellten. Diese
Mitarbeiter, nehmen wir zum Beispiel einen Laboranten, sind
unabhängig von der Produktion und dem Vertrieb. Personalabbau in
diesem Bereich bedeutet einen enormen Wissensverlust für das
Unternehmen, der in späteren Zeiten fatale Auswirkungen zeigen
wird. Schon jetzt müssen daher Lösungen her, damit das Wissen trotz
notwendiger Kosten-Anpassungen in Rezessions-Zeiten gehalten werden
kann. Das wesentliche Thema der Personalplanung sollte daher die
attraktive Gestaltung der Arbeit sein. Damit meine ich keine
monetären Aspekte, wie Gehälter oder Prämien. Wesentlich ist die
Unternehmenskultur. Nur, wenn Mitarbeiter sich wohlfühlen, kann
Loyalität erreicht und Vorsorge gegen Wissensverlust getroffen
werden. Professionelle Mitarbeiterführung, Wertekanon,
Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeitmodelle und Wahlfreiheiten
tragen zu einer guten Unternehmenskultur bei. Wenn es noch nicht
erfolgt ist, gilt es spätestens jetzt die Frage zu stellen: Was
bindet meine Mitarbeiter an mein Unternehmen abgesehen vom
Gehalt?
Ein sehr schöner Schlusssatz. Herr Grunenberg, herzlichen
Dank für das Gespräch.
Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.




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