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11.01.2012

"Die beste Prävention gegen Burnout? Bei sich selbst anfangen!"

Wir sprachen mit Prof. Dr. Matthias Burisch, Privatdozent, Trainer und Berater und Autor des Buches "Das Burnout-Syndrom“ über Umgang mit und Herausforderungen des Burnout-Syndroms in Personal- und Chef-Etagen, die Unschärfe der Begriffsdefinition, eine drohende "Burnout-Hysterie“ und geeignete Präventionsmaßnahmen.

Burisch

Herr Professor Burisch, Sie gehören zu den ersten Wissenschaftlern, die sich mit dem Burnout-Syndrom befasst haben. Könnten Sie uns kurz erzählen, wie es dazu kam und was Ihre Forschung genau umfasst?

Ich hatte die Sache selbst schon zweimal erlebt, als ich zufällig erfuhr, dass das auch im Management eines Großunternehmens ein Problem war. Damals, 1983, glaubte man noch, Burnout gäbe es nur bei "Helfern“. Ich habe daraufhin die Literatur ziemlich umfassend gesichtet, mein Buch kam dann erstmals 1989 heraus. Mittlerweile habe ich 2002 (in Work&Stress) die m. W. weltweit umfangreichste Längsschnittstudie zu Burnout veröffentlicht. Ein Doktorand von mir erforscht gerade die methodischen Probleme solcher Längsschnitt-Designs, ein anderer entwickelt ein internet-basiertes Präventionsprogramm. Mein Hamburger Burnout-Inventar  haben seit 2006 weit mehr als 200.000 Menschen bearbeitet.


Sie werden wahrscheinlich häufig mit der Problematik konfrontiert, das Symptom Burnout sei nicht klar definiert. Aktuelle Presseberichte sprechen von einem Modebegriff und die Forderungen reichen bis zur Abschaffung des Begriffs. Was fassen Sie darunter?  

Die augenblickliche Diskussion in den Populär-Medien ist leider von Sachkenntnis nur wenig getrübt, auch wenn "Experten“ sich äußern. Für mich ist Burnout der Oberbegriff für bestimmte Typen von Krisen, die, wenn man einen Schritt zurück tritt, einen gemeinsamen Auslöser haben: Dauerstress in einer Fallensituation. Ob man sich in eine solche Falle eigenhändig manövriert hat oder ohne eigenes Zutun hinein geraten ist, das macht schon mal einen ziemlichen Unterschied, auch für die Behandlung. Die Symptome sind ebenfalls ziemlich unterschiedlich, obwohl es einige rote Fäden gibt. Es kommt nämlich auch noch auf das Stadium des Burnout-Prozesses an, das bereits erreicht ist.


In ihrem Standardwerk "Das Burnout-Syndrom — Theorie der inneren Erschöpfung" (4. Aufl. 2010) schreiben Sie vom neuen Trend zur (freiwilligen) Selbstausbeutung. Können Sie uns dies erläutern?

Seit der Ruck, den der damalige Bundespräsident Herzog für dieses Land forderte, in den meisten Köpfen angekommen ist, sind immer mehr Arbeitnehmer(innen) aller Hierarchieebenen und beiderlei Geschlechts ohne viel Nachfragen bereit, so zu arbeiten, wie man das sonst nur von Start-Up-Gründern erwartet: Rund um die Uhr und ohne Privatleben. Bei Youngsters und vor allem in Branchen wie Werbung, Marketing oder Medien anfangs tatsächlich freiwillig. Aber auch dort wird man nicht jünger. Nach einer Weile wird die Selbstausbeutung scheinfreiwillig, dann unfreiwillig. Wer zu diesem Zeitpunkt vielleicht schon gesundheitlich angeschlagen und beruflich zu eng spezialisiert ist, wer seine Netzwerke hat vertrocknen lassen: Auch der sitzt in einer Burnout-Falle.


Laut dem "Fehlzeiten-Report 2011" der AOK ist Burnout  inzwischen für fast zehn Prozent der Krankschreibungen in Deutschland verantwortlich. Unsere DGFP-Studie zum Thema ergab, dass in 88% deutscher Unternehmen Personalmanager eine psychische Beanspruchung der Mitarbeiter bestätigen. Lässt sich daraus schließen, dass Arbeits- und Gesundheitsschutz noch kein ausreichend integraler Bestandteil der HR-Strategie ist?

Das ist so. Allerdings sind Zahlen zu Burnout vor folgendem Hintergrund zu sehen: Die ICD-10 Diagnose "Z.73“ ist ja von keiner Kasse gedeckt (Anm. der Redaktion; ICD 10 0 = Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme). Wenn mehr und mehr Ärzte und Psychologen diese Zusatzdiagnose hinschreiben, nachdem sie auf eine Nachbardiagnose ausgewichen sind, interpretiere ich das als leisen Protest gegen die Verhältnisse... Aber zurück zur Frage. Nach meinem Eindruck ist Arbeits- und Gesundheitsschutz, auch der vorgeschriebene vor psychischen Gefährdungen, bei den Personalern eh schon lange angekommen, beim Mittelmanagement seit kurzem, oben aber noch lange nicht; Ausnahmen gibt’s selbstverständlich. Burnout tut noch nicht ausreichend weh, ist noch nicht teuer genug.


Was den Umgang der Führungskräfte mit psychisch beanspruchten Mitarbeitern angeht, so scheint es unserer Studie nach im Hinblick auf Erkennungsvermögen, Umgang und Akzeptanz erhebliche Defizite zu geben. Auch anderer Quellen bestätigen das. Was sind Anhaltspunkte für eine psychische Beanspruchung?

Ich wiederhole gern noch mal die klassischen Frühwarnsymptome, welche sich gut von außen beobachten lassen:

  • Sozialer Rückzug bei früher gut Integrierten
  • Veränderte emotionale Reaktionsmuster: erhöhte Reizbarkeit, häufiger werdende Tränenausbrüche oder scheinbare Teilnahmslosigkeit, Pokerface
  • Nachlassendes Engagement bis hin zu allgemeinem Negativismus und Sarkasmus
  • Sinkende Effektivität, zum Beispiel unnötige Überstunden


Mein Eindruck ist aber, dass die oft behauptete schwierige Früherkennung eine Schutzbehauptung ist — außer man kennt den Mitarbeiter nur "virtuell“ oder steht selbst hochgradig unter Strom. Sonst gilt: Wer Augen hat, zu sehen...
Die große Ratlosigkeit bricht bei der Frage aus: Was tun? Wir haben darum auf der Website des Burnout-Instituts zwei nützliche Merkblätter gestellt und bieten auch Schulungen zum Thema.



Seitdem das Thema in der Gesellschaft Anfang des Jahres diesen hohen Stellenwert erlangt hat, scheinen Betroffene sich ihr Krankheitsbild eher einzugestehen. Wird die Akzeptanzschwelle allgemein nun höher?

Es bleibt abzuwarten, was als Nettoeffekt übrig bleiben wird, wenn nach der Burnout-Hysterie auch das augenblicklich modische Burnout-Bashing wieder vorbei ist. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann ja schon mal Erfahrungen mit der Selbstdiagnose "Erschöpfungs-Depression“ sammeln. Die Depressions-Päpste lieben diese Vokabel. Leider gibt es sie in der ICD-10 genausowenig wie Burnout.



Wie schaffen Führungspersonen einen optimalen Präventionsausgleich hinsichtlich individueller Einzelbetreuung und der Schaffung von menschlicher und guter Arbeitsbedingungen?

Eine Warnung: Wer sich als Personaler oder aus den mittleren Ebenen heraus engagieren will, ohne ein glaubhaftes und sichtbares Commitment der obersten Heeresleitung in der Tasche zu haben, der steigert das eigene Burnout-Risiko beträchtlich! Obacht!


Und als letzte Frage: Gibt es Dinge, die Sie Personalverantwortlichen aus ihrer praktischen und theoretischen Erfahrung heraus raten in Bezug auf Prävention, Umgang oder anderem?

Auch wenn das nicht die erwartete Antwort sein dürfte: BEI SICH SELBST ANFANGEN!  Das gilt für Personaler wie für Personalverantwortliche, und überall im Leben. Das Arbeiten in den meisten Unternehmen, von den kleinsten und neusten bis zu den großen, alten DAXen, ist, sagen wir es mal wertneutral, sicher abenteuerlicher geworden. Wer heute eine der bewährten Rollen in der Burnout-Prävention für Mitarbeiter und Kollegen übernehmen möchte - z.B.: Fels in der Brandung; Die ehrliche Haut, Der Wesir des Kalifen; Die Mutter der Kompanie - der oder die tut gut daran, sich Gedanken zu machen, wie denn der Ritt auf dem ausschlagenden Bronco gelingen kann. Wenn man selbst nicht fest im Sattel sitzt und abgeworfen wird, leidet die Glaubwürdigkeit.

Also wie? Ohne guten Kontakt zur Machtzentrale, so viel ist schon mal klar, kann das nicht glücken.


Herr Professor Burisch, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Prof. Dr. Matthias Burisch (Jahrgang 1944) studierte Psychologie in Hamburg. Ab 1970 lehrte er dort hauptsächlich Methodenlehre, baute aber auch 1981 den Praxisschwerpunkt Organisations- und Personalentwicklung auf, den er bis 1992 und erneut 2006-2008 leitete. Seit 1978 ist er als Berater, Trainer, Entwickler und Moderator für verschiedene Organisationen im In- und Ausland tätig.

Burisch veröffentlichte Studien zu Themen der psychologischen Testkonstruktion und methodischen Aspekten der Forschung, wurde jedoch besonders durch seine Untersuchungen zum Burnout-Syndrom bekannt. Er ist Autor des wissenschaftlichen Standardwerkes Das Burnout-Syndrom (4. Aufl. 2010, Springer-Verlag) sowie zahlreicher einzelner Studien zu diesem Thema.

2008 gründete er das Burnout-Institut Norddeutschland (BIND), das sich der Burnout-Diagnose und Prophylaxe widmet.


Ausgewählte Publikationen:
 
A longitudinal study of burnout: the relative importance of dispositions and experiences. Work&Stress, 2002, 16, 1-17.
 
Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung. Heidelberg: Springer 2006 (4. Aufl. 2010)

Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.