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03.02.2012
"Geburtshelfer in Sachen Persönlichkeitsentwicklung“ - Interview mit der Andragogin und Trainerin Renate Wittmann
? DGFP Online-Redaktion: Bitte stellen Sie sich und ihren Aufgabenbereich kurz vor.
Renate Wittmann: Mein Name ist Renate Wittmann, ich bin
Andragogin und seit elf Jahren für die Produktentwicklung bei
persolog verantwortlich. Unsere Produkte sind Selbstlerninstrumente
für die Personalentwicklung; insbesondere zum Themenbereich der
sogenannten Soft-Skills, nämlich den sozialen und persönlichen
Kompetenzen.
? DGFP Online-Redaktion: Wie sieht ihr beruflicher
Hintergrund aus?
Renate Wittmann: Zu meinem jetzigen Beruf kam ich als
Quereinsteigerin. Begonnen habe ich meine berufliche Laufbahn als
Erzieherin in einem Internat für blinde und sehbehinderte Menschen.
Daran schloss ich ein Fachhochschul-Studium der Sozialpädagogik an.
Fortan arbeitete ich in öffentlichen Institutionen und
sozialpolitischen Einrichtungen wie Jugendämtern. Gerne wollte ich
aber auch in der Erwachsenenbildung tätig werden. So kam ich zum
Studium der Andragogik, einer speziellen Fachrichtung der
Erziehungswissenschaft, deren einzigen Lehrstuhl die Universität
Bamberg beherbergt. Unmittelbar nach der Universität startete ich
bei persolog in der Produktentwicklung.
? DGFP Online-Redaktion: Andragogik - was ist das?
Renate Wittmann: Die Andragogik ist die Wissenschaft der
Erwachsenenbildung; genauer gesagt, die Wissenschaft, die sich mit
dem Verstehen und Gestalten der lebenslangen und lebensbreiten
Bildung des Erwachsenen befasst.
? DGFP Online-Redaktion: Was ist spezifisch an der
Erwachsenenbildung?
Renate Wittmann: Das ist eine interessante Frage. Ich
glaube, das weiß die Erwachsenenbildung selbst nicht so recht.
Erwachsene lernen anders als Kinder. Das hat etwas mit der
Begriffsbildung zu tun. Wenn Kinder etwas lernen, ist es für sie
oft etwas völlig Neues. Das heißt, sie lernen auch die Begriffe
dazu – durch Begreifen. Erwachsene hingegen lernen, indem sie Neues
auf der Basis ihrer bereits individuell geformten Begriffsbildung
bewerten. Sie knüpfen also an dem bestimmten Punkt an, an dem sie
aktuell gerade stehen. Im Vergleich zum vom kollektiven Lernen -
zum Beispiel in Klassen-Verbänden - geprägten Lernen von Kindern
und Jugendlichen ist das Lernen von Erwachsenen sehr viel
individueller. Mit anderen Worten: Der Mensch ist im Laufe seiner
Lernbiographie zuerst für pädagogische Maßnahmen empfänglich und
dann mit zunehmender Autonomie offen für andragogische
Maßnahmen.
? DGFP Online-Redaktion: Welchen Beitrag kann Andragogik aus
Ihrer Sicht zur Personalentwicklung und insgesamt zu einem
professionellen Personalmanagement leisten?
Renate Wittmann: Andragogen sind keine Ratgeber oder
Coaches. Vielmehr versuchen wir, Menschen zu verstehen und ihnen
beim Verstehen lernen zu helfen. Mit einzelnen,
teilnehmerorientierten Verstehensprozessen führen wir eine Gruppe
zum Gesamt-Verstehensprozess. Wir vergleichen das gerne mit einer
Geburt. Eigentlich soll geboren werden, was es schon gibt. Als
„Geburtshelfer“ stoßen wir bereits bestehende Wissensprozesse neu
an, erwecken Reflektionsprozesse und kreieren neue Deutungsmuster
für das Verständnis. Aus Sicht des Personalmanagements oder genauer
gesagt der Personalentwicklung dient Andragogik somit
Persönlichkeitsentwicklung – sowohl von Führungskräften, als auch
von Mitarbeitern.
? DGFP Online-Redaktion: Welche praktischen Erfahrungen
haben Sie selbst mit der Umsetzung von Andragogik in Unternehmen
gemacht?
Renate Wittmann: Bei persolog setzen wir Konzepte der
Andragogik seit 1990 erfolgreich in unseren Lerninstrumenten bei
Unternehmen ein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei einem
Hersteller für Solarenergietechnik haben wir dem kompletten Verkauf
eine grundlegend neue Sichtweise auf den Kunden gegeben. Gemäß
klassischem Prozess der Erwachsenenbildung haben wir dabei auf das
vorhandene Wissen der Verkäufer aufgebaut. Dann gingen wir daran,
sicher zu stellen, dass Innen- und Außendienst eine gemeinsame
Sprache sprechen und sich verstehen und dass Verkäufer die Kunden
verstehen und auch ihnen gegenüber eine gemeinsame Sprache
sprechen. Als Basis dafür diente ein Persönlichkeitsmodell, das wir
zu diesem Zweck im Unternehmen eingeführt haben. Zudem wurde ein
Unterstützungssystem für die Verkäufer auf Basis der Führungskräfte
aufgebaut. Die entsprechenden Trainingseinheiten wie zum Beispiel
die Arbeit mit Lerninstrumenten - in diesem Fall Fragebogen
zur Selbsteinschätzung und Rollenspiele - haben wir so praxisnah
wie möglich durchgeführt; denn besonders Verkäufer brauchen bei
Entwicklungsmaßnahmen einen ganz engen Bezug zu ihrer Tätigkeit.
Das Gute an dem Ansatz der Andragogik ist, dass nicht Prozesse,
sondern die Menschen im Mittelpunkt stehen und wir den Menschen
nicht von außen ein System überstülpen, sondern ihnen helfen, ein
eigenes Verständnis über sich, über ihre Rolle und mögliche
Verbesserungsmaßnahmen zu entwickeln.
? DGFP Online-Redaktion: Böse Zungen sagen, dass die
Lernfähigkeit im Alter abnimmt; so nach dem Motto "was Hänschen
nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Stimmt das oder ist die
Fähigkeit zum Lernen - körperliche und geistige Gesundheit
vorausgesetzt - wirklich lebenslang vorhanden? Gibt es Grenzen bei
der Fähigkeit zur Weiterentwicklung?
Renate Wittmann: Laut Gehirnforschung gibt es die
definitiv nicht, biologisch sind Menschen lebenslang lernfähig.
Allerdings spielen hier auch andere Faktoren eine entscheidende
Rolle, denn die Bereitschaft zum Lernen ist eine Lebenseinstellung.
Man denke etwa an Menschen, die im hohen Alter noch den Umgang mit
einem PC erlernen. Was sich auf jeden Fall im Alter ändert, sind
die Voraussetzungen fürs Lernen. Die Bedingungen, wie Lernprozesse
aufbereitet werden, müssen hinsichtlich der kognitiven und
physischen Fähigkeiten angepasst werden.
? DGFP Online-Redaktion: Wie haben sich die Lern- und
Kommunikationsgewohnheiten der jüngeren Generation in den letzten
Jahren verändert und mit welchen Lernformen muss dem Rechnung
getragen werden?
Renate Wittmann: Aus meiner Sicht sind in der Tat
Veränderungen insbesondere bei den Aufmerksamkeitsspannen und den
visuellen Gewohnheiten zu beobachten. Was die
Aufmerksamkeitsspannen betrifft, so gab es in der Weiterbildung
früher die Regel, dass alle 90 Minuten eine Pause eingelegt werden,
alle 20 Minuten eine Änderung des Themas erfolgen und alle 8
Minuten die Lernform geändert werden soll. Heute müssen wir diese
Spannen insbesondere bei Teilnehmern unter 30 Jahren deutlich
kürzer setzen. Teilnehmer dieser Generation erwarten deutlich mehr
Einsatz von verschiedenen Medien, wie z.B. Videoeinblendungen, und
auch einen deutlich engeren persönlichen Bezug der Lerninhalte zu
ihrem eigenen Leben und zu persönlichen Betroffenheit.
? DGFP Online-Redaktion: Wo sehen Sie die Grenzen zwischen
persönlicher Verantwortung des Mitarbeiters und dem Unternehmen,
wenn es um die berufliche und persönliche Weiterentwicklung
geht?
Renate Wittmann: Das ist ein spannendes Thema, da bin ich
bei meiner Arbeit gelegentlich "im Clinch" mit mir selbst. Denn als
Trainer gehen wir systemerhaltend in ein Unternehmen. Wir
versuchen, das Beste aus bestehenden Systemen herauszuholen.
Oftmals sind es aber die bestehenden Prozesse, die
Organisationsstrukturen, die Mitarbeiter, bzw. das Unternehmen
"krank" machen. Diese müssten also eigentlich verändert werden.
Veränderungsprozesse an Menschen in solchen Umgebungen erzeugen
zusätzlichen Druck, was wir als Trainer vermeiden möchten.
Und so ergeht es auch dem Personalmanagement meiner Meinung nach.
Als Initiator und Evaluator für Bedarf im Unternehmen sollte es
Mitarbeiter mit Weiterbildungsangeboten unterstützen und
keinesfalls Druck erzeugen oder vorhandenen Druck erhöhen. Es gibt
entscheidende Dinge, die dem Mitarbeiter generell deutlich weniger
Stress bereiten. Dazu gehören in erster Linie mehr
Handlungsspielraum, Unterstützung und Kontrolle. Hierbei ist
positive Kontrolle gemeint, das, was mit dem englischen
Begriff "Controlling" definiert wird.
Ein weiteres Mittel ist die Gratifikation. Lohngefüge,
Anerkennungen und eine Lobkultur – idealerweise von ganz oben nach
ganz unten – leisten zur Stressreduzierung einen guten Beitrag. Um
all das effektiv umsetzen zu können, muss das Personalmanagement –
und jetzt spannen wir den Bogen wieder zur Andragogik – den
Menschen, also seine Mitarbeiter und deren Job-Definition sowie
ihren jeweiligen Arbeitsalltag, die dort herrschenden Prozesse und
Strukturen genau kennen.
? Was würden Sie Unternehmen raten, die eine hausinterne
Personalentwicklung aufbauen oder diese professioneller gestalten
möchten?
Renate Wittmann: Personalentwicklung kann überall
anfangen, auf Mitarbeiter- oder auch auf Führungsebene.
Voraussetzung ist eine detaillierte Strukturanalyse, die sowohl das
Verständnis des Unternehmens also auch das Verständnis der
Mitarbeiter und deren Verständnis des Unternehmens berücksichtigt.
Vereinfacht gesagt sollte man sich im Vorfeld folgende zwei Fragen
gründlich beantworten:
1. Welchen organisatorischen Bedingungen unterliegt das
Unternehmen?
2. Welche Prozesse laufen wie ab?
Darauf aufbauend kann man dann strategische Maßnahmen der
Personalentwicklung entwickeln und gestalten. Denn wenn ich
das Unternehmen nicht verstehe, greifen auch alle
Verbesserungsmaßnahmen nicht. Normative Regelungen sind für die
Personalentwicklung aus andragogischer Sicht überhaupt nicht
effektiv. Ebenso macht es aus meiner Sicht keinen Sinn, in neue
Rekrutierungssysteme zu investieren, so lange die internen Prozesse
und deren Bedeutung für die Menschen im Unternehmen nicht
ausreichend geklärt sind.
? DGFP Online-Redaktion: Welche Trends zeichnen sich aus
ihrer Sicht jenseits des demografischen Wandels in der beruflichen
Weiterbildung ab?
Renate Wittmann: Man muss die Handlungsfähigkeit von
Menschen und dadurch von Unternehmen aufrecht erhalten – dafür ist
ein hohes Maß an Selbstreflexion auf individueller und kollektiver
Ebene nötig. Denn Menschen prägen Unternehmen und Unternehmen
prägen Menschen. Durch den seit der Industrialisierung herrschenden
Taylorismus* sind Menschen in ihrem Handeln und auch in ihrem
Verständnis heutzutage sehr eingeschränkt. Ihnen ist kaum ein
ganzheitlicher (Über-)Blick möglich, sondern sie erfassen ihr
Unternehmen nur in den Teilbereichen, in denen sie agieren. Ich
nehme an, dass Menschen künftig wieder verstärkt in Gesamtprozesse
eingebunden werden. Schon jetzt zeigen Innovationswerkstätten, dass
auch außerhalb der Produktentwicklungen gute und gewinnbringende
Ideen entwickelt werden. Das wird sich bestimmt noch weiter
durchsetzen.
Aufgrund der herrschenden Unsicherheit durch Momente, auf die der
Mensch keinen Einfluss nehmen kann, wird auch das Thema Resilienz
immer wichtiger. Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen zwingen
uns immer mehr zur Krisenbewältigung. Dies findet auf zweierlei
Ebenen statt: Die Persönlichkeitsebene beantwortet die Frage:
"Welche Eigenschaften helfen dem Individuum, mit der Krise und
seinen Folgen wie Existenzverlust oder -angst, umzugehen?" Auf
kollektiver Ebene rücken wir die Gemeinschaft, das Volk, die
Mitarbeiterschaft in den Fokus: "Wie verhalten wir uns? Wie räumen
wir wieder auf?" Die Zukunft fordert also Resilienz – auf
individueller und kollektiver Schiene, und dies wird sich
sicherlich künftig auch in der Personal- und
Persönlichkeitsentwicklung widerspiegeln.
? DGFP Online-Redaktion: Wir bedanken uns für das
interessante Gespräch!
* Anmerkung der Redaktion: Taylorismus ist das von dem
US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor (1856–1915) begründete
Prinzip einer Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen, das unter
anderem von extrem detaillierten und zerlegten Arbeitsaufgaben,
Einwegkommunikation mit festgelegten und engen Inhalten, sowie
detaillierten Zielvorgaben bei für den Einzelnen nicht erkennbarem
Zusammenhang zum Unternehmungsziel bestimmt ist.
Das Interview führten Sascha Jussen und Danica Dorawa, DGFP
Online-Redaktion.
Weitere Links zu diesem Thema
Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.


