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18.12.2011
Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz: "Alle Beteiligten haben Verantwortung"
? Frau Hoyer, welche Erfahrungen haben Sie als
Teamleiterin beim BGF bislang mit dem Thema psychischen Gesundheit
am Arbeitsplatz gemacht?
Christel Hoyer: Das Thema ist schon vor Beginn meiner Arbeit
beim BGF aktuell gewesen – damals allerdings mehr unter dem
Vorzeichen der Sucht- und Stressberatung. Schon bei unseren ersten
Seminaren für Stressmanagement vor 15 Jahren zeigte sich, dass
nicht wenige Teilnehmer deutliche Zeichen des Beginns einer
psychischen Erkrankung an den Tag legten. Zudem gab es
Führungskräfteschulungen zum Umgang mit "schwierigen" Mitarbeitern,
in denen von Fällen berichtet wurde, in denen sich Mitarbeiter
"merkwürdig" veränderten, z.B. eine plötzliche Distanzlosigkeit
gegenüber ihren Vorgesetzen zeigten oder Werkstücke wieder und
wieder auf Fehler überprüften - ebenfalls Anzeichen psychischer
Fehlbeanspruchung. Auch das Thema Mobbing und seine Auswirkung auf
Betroffene gab es schon vor 15 Jahren. Von daher ist das Thema
psychische Gesundheit in Betrieben etwas, was mich schon seit
vielen Jahren in meiner Tätigkeit beschäftigt.
? Die unter Ihrer Beteiligung entstandene aktuelle DGFP
Studie "Psychische Beanspruchung von Mitarbeitern" belegt,
dass sich die allgemeine Entwicklung einer Zunahme psychischer
Erkrankungen mehr und mehr in den Unternehmen niederschlägt – und
zwar nicht nur in Form psychischer Erkrankungen, sondern auch in
Form psychischer Beanspruchungen als deren mögliche Vorstufe.
Überrascht Sie dieses Ergebnis?
Christel Hoyer: Nein.
? Weil? …
Christel Hoyer: Weil ich das nicht zuletzt durch meine
Beratungstätigkeit in den Unternehmen mitbekomme und mir dies von
Führungskräften und Mitarbeitern berichtet wird: Immer mehr Arbeit
muss in immer weniger Zeit in immer höherer Qualität erledigt
werden; es kommt seit Jahren zu einer Arbeitsverdichtung und zu
einer zumindest subjektiv wahrgenommenen Mehrbeanspruchung. Und
auch technische Errungenschaften, die der Arbeiterleichterung
dienen sollen, können zu Stör- und Stressquellen werden, z.B. wenn
sie nicht funktionieren; man denke beispielsweise an das Gefühl das
sich einstellt, wenn der PC oder ein bestimmtes Programm nicht
funktioniert. Denn die Zeitvorgaben für Mitarbeiter und
Organisationseinheiten werden am funktionierenden System gemessen
und berücksichtigen mögliche Störungen in der Regel nicht. Die
Folge ist, dass die psychischen Erkrankungen im Vergleich zu den
körperlichen Erkrankung unverhältnismäßig stark zugenommen
haben.
? Ein weiteres Ergebnis unserer Studie lautet, dass
psychische Beanspruchung nicht nur von vielen Betroffenen, sondern
ebenso von vielen Führungskräften tabuisiert wird. Was sind
mögliche Ursachen dafür?
Christel Hoyer: Einer der Hauptgründe für die Tabuisierung
liegt darin, dass psychische Erkrankungen und deren Vorstufen immer
noch schnell mit dem Wort "Irre" assoziiert werden. Hier spielt die
Angst vor einer Stigmatisierung; vor einem Verlust an Wertschätzung
und Ansehen eine entscheidende Rolle bei den Betroffenen. Des
weiteren müssen sich die Betroffenen damit auseinandersetzen, dass
eine psychische Erkrankung oder deren Vorstufen als Zeichen von
Schwäche angesehen werden können. Sich diese einzugestehen, fällt
nur den wenigsten leicht. Hinzu kommt, dass viele Menschen nicht
merken, dass ihre Fähigkeit, mit Überforderung umzugehen,
allmählich nachlässt. Die Überbeanspruchung und der folgende
Krankheitsverlauf werden dann als "plötzlich auftretend"
wahrgenommen.
Auf Seiten der Führungskräfte ist es oft nicht leicht überhaupt zu
erkennen, ob eine psychische Fehlbeanspruchung vorliegt: Schafft
der Vertriebsmitarbeiter sein Soll nicht, weil er zu faul ist, oder
weil er nicht mehr kann? Jammert der Mitarbeiter, weil er von Grund
auf ein Jammerer ist, oder liegt wirklich eine Überforderung vor?
Wenn ich meinen Mitarbeitern mehr Aufgaben übertrage und sie
schaffen das - waren sie dann vorher nicht ausgelastet oder sind
sie jetzt am Limit? Die Frage für Führungskräfte lautet: Woran
misst man Beanspruchung? Weitere Gründe aus Sicht der
Führungskräfte, das Thema zu tabuisieren, liegen in einer
generellen Unsicherheit im Umgang mit Fragen der psychischen
Gesundheit, die nach in einer gewissen Schicksalhaftigkeit mündet:
Was sich scheinbar ohnehin nicht ändern lässt, spreche ich lieber
gar nicht erst an …
? Und was könnte man dagegen tun?
Christel Hoyer: Aus meiner Sicht und nach meiner Erfahrung
ist es hilfreich, wenn Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern
gemeinsam über psychische Beanspruchungen und Belastungen sprechen
und Lösungsmöglichkeiten erörtern. Denn jede Entlastung bedeutet
weniger Beanspruchung. Oft sind es schon Kleinigkeiten wie die
Abschaffung einer permanenten Erreichbarkeitspflicht, die viel zum
Positiven verändern können. Auch die Frage nach dem Umgang mit
Zeitdruck ist wichtig. Zusätzlich können Schulungen für
Führungskräfte und Mitarbeiter zu diesem Thema unterstützend
wirken.
? Als Ursache für den massiven Anstieg psychischer
Erkrankungen wird neben den Faktoren "Verdichtung und
Beschleunigung von Arbeitsabläufen", "krisenbedingte
Arbeitsmarktunsicherheit" und "instabile Familienverhältnisse" auch
vermehrte öffentliche Bekenntnisse als Resultat einer höheren
öffentlichen Akzeptanz psychischer Erkrankungen genannt. Viele
Betroffene trauen sich erst jetzt, über ihre Krankheit zu sprechen,
obwohl das Problem schon weitaus länger besteht. Relativiert das
die derzeitige, statistische Zunahme des Problems?
Christel Hoyer: Ja, aber nicht so, dass man Entwarnung geben
könnte. Ganz im Gegenteil: Selbst wenn man den zunehmend offenen
Umgang mit psychischen Erkrankungen berücksichtigt, nimmt die Zahl
der Betroffenen immer noch deutlich zu. Auch die Veränderungen in
der Arbeitswelt, die psychische Erkrankungen auslösen und
verschlimmern können, haben nicht aufgehört. Hinzu kommt, dass das
Wissen um psychische und psychosomatische Erkrankungen zugenommen
hat, und entsprechende Erkrankungen nun wesentlich treffsicherer,
aber auch häufiger diagnostiziert werden. Was früher nur als
Rückenleiden abgetan wurde, kann heute durchaus als Symptom für
eine psychosomatische Erkrankung erkannt werden.
? Sind psychische Erkrankungen, die durch die Arbeit und
Arbeitsumgebung hervorgerufen werden und deren Ursache damit
außerhalb der betroffenen Menschen liegt, überhaupt über das
Behandeln von Symptomen hinaus auf individueller Ebene "heilbar"?
Kann in letzter Konsequenz für Betroffene nur der Ausstieg eine
nachhaltig hilfreiche Maßnahme sein, wenn sich die
Arbeitsbedingungen nicht verbessern?
Christel Hoyer: Mit Sicherheit kann man Mechanismen für einen
besseren Umgang mit Belastungen entwickeln. Die Verantwortung dafür
liegt primär beim Individuum; der Arbeitgeber hat zudem im Rahmen
seiner Fürsorgepflicht nach Möglichkeiten zu suchen, den
Mitarbeiter zu unterstützen bzw. Belastungen so zu gestalten, dass
der Mitarbeiter mit ihnen nach Möglichkeit auch umgehen kann.
"Heilung" gibt es nur, wenn sich beide Seiten – Arbeitgeber und
Arbeitnehmer – aufeinander zu bewegen. Wenn das fehlschlägt und man
nicht die nötigen Kompetenzen entwickeln kann, ist letzlich nur der
Ausstieg aus dem Beruf oder dem jeweiligen Unternehmen eine
hilfreiche Lösung.
? Was würden Sie sagen, wo die Grenzen der Verantwortung in
puncto psychische Gesundheit zwischen Betroffenen, deren
Führungskräften und dem Unternehmen liegen - sowohl in Hinblick auf
Ursachen, als auch auf deren Bewältigung?
Christel Hoyer: Alle Beteiligten haben Verantwortung:
Der Arbeitgeber und Führungskräfte sollte im eigenen Interesse
versuchen, die Weiterbeschäftigung des Betroffenen zu ermöglichen
und das Beste aus der Situation zu machen. Nur weil ein Mitarbeiter
z.B. zu Depression neigt, heißt das nicht, dass er oder sie nicht
leistungsfähig ist. Es gilt betriebliche Bedingungen zu schaffen,
diese Leistungsfähigkeit zu halten oder wieder herzustellen. Es
handelt sich also um präventive Maßnahmen und um Hilfen bei der
Wiedereingliederung. Führungskräfte sollten hier mit dem
Beschäftigten gemeinsam nach Wegen der Verbesserung der
Arbeitssituation suchen. Führungskräfte sind jedoch nicht
beauftragt und in der Lage, Diagnosen über psychische Erkrankungen
oder Therapiepläne zu entwerfen.
Der Betroffene selbst hat Verantwortung für die eigene Gesundheit
und den Auftrag, mit der Arbeitssituation umzugehen; sei es „Nein“
sagen zu lernen oder ein besseres Zeitmanagement zu üben. Darüber
hinaus kann er Hilfsangebote, etwa von Beratungsstellen oder
therapeutisch Unterstützung in Anspruch nehmen.
? Welche Auswirkungen können arbeitsbedingte psychische
Fehlbelastungen von Mitarbeitern und Führungskräften auf
Unternehmen und unternehmerischen Erfolg haben?
Christel Hoyer: Das kann sehr gravierende Auswirkungen haben:
Psychische Fehlbelastungen bedeuten häufig auch eine Störung der
Konzentration, des Unternehmensklimas, der Arbeitsqualität. Darüber
hinaus können sie zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen
und/oder erhöhter Fluktuation führen. Folgen kann eine insgesamt
schlechtere Leistung der Belegschaft. Insbesondere in Hinblick auf
zunehmend ältere Belegschaften und einer Abnahme verfügbarer
Fachkräfte ist dies eine sehr ungünstige Entwicklung, die es in
jedem Fall durch angemessene Maßnahmen zu vermeiden gilt.
? Kann man Ihrer Meinung nach sagen, dass es insbesondere
für große Unternehmen fahrlässig ist, kein professionelles
Gesundheitsmanagement zu betreiben?
Christel Hoyer: Ja, auf jeden Fall. Denn durch ein
hausinternes Gesundheitsmanagement lassen sich am besten themen-
und zielgruppenspezifische Maßnahmen planen und umsetzen.
Gesundheitliche Problemene tauchen in jedem Unternehmen früher oder
später auf. Wenn dann bereits ein Gesundheitsmanagement mit
geregelten Ansprechpartnern und Abläufen etabliert ist, muss das
Rad nicht für jeden Einzelfall neu erfunden werden.
? Welche generelle Empfehlungen würde Sie Unternehmen auf
den Weg geben, die ein professionelles Gesundheitsmanagement im
Unternehmen beginnen wollen?
Christel Hoyer: Ich würde vor allem den klassischen
Managementkreislauf empfehlen:
- Analyse
- Maßnahmenplanung
- Evaluation der Umsetzung
- Nachjustieren
Um ein professionelles Gesundheitsmanagement aufzubauen und zu
betreiben, benötigt man zudem einen hochrangigen Verantwortlichen,
der Entscheidungen treffen kann und für Kontinuität sorgt – sonst
ist es zum Scheitern verurteilt.
? Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft: Was glauben
Sie, welche Bedeutung das Thema psychische Gesundheit und
entsprechende Maßnahmen in fünf bis zehn Jahren einnehmen
werden?
Christel Hoyer: Die Bedeutung wird eindeutig zunehmen. Die
Zahl der körperlichen Erkrankungen geht Dank der zunehmenden
Umsetzung von Ergonomiemaßnahmen in den Unternehmen weiter zurück.
Psychische Belastungen, Fehlbeanspruchung und Krankheiten sowie der
Umgang mit ihnen und das Entwickeln entsprechende Maßnahmen werden
uns hingegen in absehbarer Zeit in immer höherem Maße
beschäftigen.
? Frau Hoyer, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin
viel Erfolg für Ihre Arbeit in Sachen Betriebliche
Gesundheitsförderung.
Das Interview führte Sascha Jussen, Fachreferent
Online-Redaktion
( DGFP).
Weitere Links zu diesem Thema
Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.
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