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18.12.2011

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz: "Alle Beteiligten haben Verantwortung"

Eine aktuelle empirische Studie der DGFP belegt: In 88 Prozent der deutschen Unternehmen bestätigen Personalmanager eine psychische Beanspruchung der Mitarbeiter. 85 Prozent verzeichneten dadurch bedingt in den vergangen zwei Jahren einen Anstieg der betrieblichen Fehlzeitenquote. Was das bedeutet, was die Ursachen und mögliche Lösungsansätze sind, darüber unterhielten wir uns mit Diplom-Psychologin Christel Hoyer, Teamleiterin "Psychologie" beim Institut für betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) in Köln. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet sie als Expertin zum Thema "psychische Gesundheit im Betrieb". Zudem engagierte sie sich im DGFP Arbeitskreis "Mit psychisch beanspruchten Mitarbeitern umgehen", dessen Ergebnisse im Sommer 2011 als DGFP PraxisPapier veröffentlicht wurden.

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? Frau Hoyer, welche Erfahrungen haben Sie als Teamleiterin beim BGF bislang mit dem Thema psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz gemacht?

Christel Hoyer: Das Thema ist schon vor Beginn meiner Arbeit beim BGF aktuell gewesen – damals allerdings mehr unter dem Vorzeichen der Sucht- und Stressberatung. Schon bei unseren ersten Seminaren für Stressmanagement vor 15 Jahren zeigte sich, dass nicht wenige Teilnehmer deutliche Zeichen des Beginns einer psychischen Erkrankung an den Tag legten. Zudem gab es Führungskräfteschulungen zum Umgang mit "schwierigen" Mitarbeitern, in denen von Fällen berichtet wurde, in denen sich Mitarbeiter "merkwürdig" veränderten, z.B. eine plötzliche Distanzlosigkeit gegenüber ihren Vorgesetzen zeigten oder Werkstücke wieder und wieder auf Fehler überprüften - ebenfalls Anzeichen psychischer Fehlbeanspruchung. Auch das Thema Mobbing und seine Auswirkung auf Betroffene gab es schon vor 15 Jahren. Von daher ist das Thema psychische Gesundheit in Betrieben etwas, was mich schon seit vielen Jahren in meiner Tätigkeit beschäftigt.

? Die unter Ihrer Beteiligung entstandene aktuelle DGFP Studie "Psychische Beanspruchung von Mitarbeitern"  belegt, dass sich die allgemeine Entwicklung einer Zunahme psychischer Erkrankungen mehr und mehr in den Unternehmen niederschlägt – und zwar nicht nur in Form psychischer Erkrankungen, sondern auch in Form psychischer Beanspruchungen als deren mögliche Vorstufe.
Überrascht Sie dieses Ergebnis?

Christel Hoyer: Nein.

? Weil? …

Christel Hoyer: Weil ich das nicht zuletzt durch meine Beratungstätigkeit in den Unternehmen mitbekomme und mir dies von Führungskräften und Mitarbeitern berichtet wird: Immer mehr Arbeit muss in immer weniger Zeit in immer höherer Qualität erledigt werden; es kommt seit Jahren zu einer Arbeitsverdichtung und zu einer zumindest subjektiv wahrgenommenen Mehrbeanspruchung. Und auch technische Errungenschaften, die der Arbeiterleichterung dienen sollen, können zu Stör- und Stressquellen werden, z.B. wenn sie nicht funktionieren; man denke beispielsweise an das Gefühl das sich einstellt, wenn der PC oder ein bestimmtes Programm nicht funktioniert. Denn die Zeitvorgaben für Mitarbeiter und Organisationseinheiten werden am funktionierenden System gemessen und berücksichtigen mögliche Störungen in der Regel nicht. Die Folge ist, dass die psychischen Erkrankungen im Vergleich zu den körperlichen Erkrankung unverhältnismäßig stark zugenommen haben.

? Ein weiteres Ergebnis unserer Studie lautet, dass psychische Beanspruchung nicht nur von vielen Betroffenen, sondern ebenso von vielen Führungskräften tabuisiert wird. Was sind mögliche Ursachen dafür?
 
Christel Hoyer: Einer der Hauptgründe für die Tabuisierung liegt darin, dass psychische Erkrankungen und deren Vorstufen immer noch schnell mit dem Wort "Irre" assoziiert werden. Hier spielt die Angst vor einer Stigmatisierung; vor einem Verlust an Wertschätzung und Ansehen eine entscheidende Rolle bei den Betroffenen. Des weiteren müssen sich die Betroffenen damit auseinandersetzen, dass eine psychische Erkrankung oder deren Vorstufen als Zeichen von Schwäche angesehen werden können. Sich diese einzugestehen, fällt nur den wenigsten leicht. Hinzu kommt, dass viele Menschen nicht merken, dass ihre Fähigkeit, mit Überforderung umzugehen, allmählich nachlässt. Die Überbeanspruchung und der folgende Krankheitsverlauf werden dann als "plötzlich auftretend" wahrgenommen.
Auf Seiten der Führungskräfte ist es oft nicht leicht überhaupt zu erkennen, ob eine psychische Fehlbeanspruchung vorliegt: Schafft der Vertriebsmitarbeiter sein Soll nicht, weil er zu faul ist, oder weil er nicht mehr kann? Jammert der Mitarbeiter, weil er von Grund auf ein Jammerer ist, oder liegt wirklich eine Überforderung vor? Wenn ich meinen Mitarbeitern mehr Aufgaben übertrage und sie schaffen das - waren sie dann vorher nicht ausgelastet oder sind sie jetzt am Limit? Die Frage für Führungskräfte lautet: Woran misst man Beanspruchung? Weitere Gründe aus Sicht der Führungskräfte, das Thema zu tabuisieren, liegen in einer generellen Unsicherheit im Umgang mit Fragen der psychischen Gesundheit, die nach in einer gewissen Schicksalhaftigkeit mündet: Was sich scheinbar ohnehin nicht ändern lässt, spreche ich lieber gar nicht erst an …

? Und was könnte man dagegen tun?

Christel Hoyer: Aus meiner Sicht und nach meiner Erfahrung ist es hilfreich, wenn Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern gemeinsam über psychische Beanspruchungen und Belastungen sprechen und Lösungsmöglichkeiten erörtern. Denn jede Entlastung bedeutet weniger Beanspruchung. Oft sind es schon Kleinigkeiten wie die Abschaffung einer permanenten Erreichbarkeitspflicht, die viel zum Positiven verändern können. Auch die Frage nach dem Umgang mit Zeitdruck ist wichtig. Zusätzlich können Schulungen für Führungskräfte und Mitarbeiter zu diesem Thema unterstützend wirken.

? Als Ursache für den massiven Anstieg psychischer Erkrankungen wird neben den Faktoren "Verdichtung und Beschleunigung von Arbeitsabläufen", "krisenbedingte Arbeitsmarktunsicherheit" und "instabile Familienverhältnisse" auch vermehrte öffentliche Bekenntnisse als Resultat einer höheren öffentlichen Akzeptanz psychischer Erkrankungen genannt. Viele Betroffene trauen sich erst jetzt, über ihre Krankheit zu sprechen, obwohl das Problem schon weitaus länger besteht. Relativiert das die derzeitige, statistische Zunahme des Problems?

Christel Hoyer:
Ja, aber nicht so, dass man Entwarnung geben könnte. Ganz im Gegenteil: Selbst wenn man den zunehmend offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen berücksichtigt, nimmt die Zahl der Betroffenen immer noch deutlich zu. Auch die Veränderungen in der Arbeitswelt, die psychische Erkrankungen auslösen und verschlimmern können, haben nicht aufgehört. Hinzu kommt, dass das Wissen um psychische und psychosomatische Erkrankungen zugenommen hat, und entsprechende Erkrankungen nun wesentlich treffsicherer, aber auch häufiger diagnostiziert werden. Was früher nur als Rückenleiden abgetan wurde, kann heute durchaus als Symptom für eine psychosomatische Erkrankung erkannt werden.

? Sind psychische Erkrankungen, die durch die Arbeit und Arbeitsumgebung hervorgerufen werden und deren Ursache damit außerhalb der betroffenen Menschen liegt, überhaupt über das Behandeln von Symptomen hinaus auf individueller Ebene "heilbar"? Kann in letzter Konsequenz für Betroffene nur der Ausstieg eine nachhaltig hilfreiche Maßnahme sein, wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern?

Christel Hoyer:
Mit Sicherheit kann man Mechanismen für einen besseren Umgang mit Belastungen entwickeln. Die Verantwortung dafür liegt primär beim Individuum; der Arbeitgeber hat zudem im Rahmen seiner Fürsorgepflicht nach  Möglichkeiten zu suchen, den Mitarbeiter zu unterstützen bzw. Belastungen so zu gestalten, dass der Mitarbeiter mit ihnen nach Möglichkeit auch umgehen kann. "Heilung" gibt es nur, wenn sich beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – aufeinander zu bewegen. Wenn das fehlschlägt und man nicht die nötigen Kompetenzen entwickeln kann, ist letzlich nur der Ausstieg aus dem Beruf oder dem jeweiligen Unternehmen eine hilfreiche Lösung.

? Was würden Sie sagen, wo die Grenzen der Verantwortung in puncto psychische Gesundheit zwischen Betroffenen, deren Führungskräften und dem Unternehmen liegen - sowohl in Hinblick auf Ursachen, als auch auf deren Bewältigung?

Christel Hoyer:
Alle Beteiligten haben Verantwortung:
Der Arbeitgeber und Führungskräfte sollte im eigenen Interesse versuchen, die Weiterbeschäftigung des Betroffenen zu ermöglichen und das Beste aus der Situation zu machen. Nur weil ein Mitarbeiter z.B. zu Depression neigt, heißt das nicht, dass er oder sie nicht leistungsfähig ist. Es gilt betriebliche Bedingungen zu schaffen, diese Leistungsfähigkeit zu halten oder wieder herzustellen. Es handelt sich also um präventive Maßnahmen und um Hilfen bei der Wiedereingliederung. Führungskräfte sollten hier mit dem Beschäftigten gemeinsam nach Wegen der Verbesserung der Arbeitssituation suchen. Führungskräfte sind jedoch nicht beauftragt und in der Lage, Diagnosen über psychische Erkrankungen oder Therapiepläne zu entwerfen.
Der Betroffene selbst hat Verantwortung für die eigene Gesundheit und den Auftrag, mit der Arbeitssituation umzugehen; sei es „Nein“ sagen zu lernen oder ein besseres Zeitmanagement zu üben. Darüber hinaus kann er Hilfsangebote, etwa von Beratungsstellen oder therapeutisch Unterstützung in Anspruch nehmen.

? Welche Auswirkungen können arbeitsbedingte psychische Fehlbelastungen von Mitarbeitern und Führungskräften auf Unternehmen und unternehmerischen Erfolg haben?

Christel Hoyer:
Das kann sehr gravierende Auswirkungen haben: Psychische Fehlbelastungen bedeuten häufig auch eine Störung der Konzentration, des Unternehmensklimas, der Arbeitsqualität. Darüber hinaus können sie zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen und/oder erhöhter Fluktuation führen. Folgen kann eine insgesamt schlechtere Leistung der Belegschaft. Insbesondere in Hinblick auf zunehmend ältere Belegschaften und einer Abnahme verfügbarer Fachkräfte ist dies eine sehr ungünstige Entwicklung, die es in jedem Fall durch angemessene Maßnahmen zu vermeiden gilt.

? Kann man Ihrer Meinung nach sagen, dass es insbesondere für große Unternehmen fahrlässig ist, kein professionelles Gesundheitsmanagement zu betreiben?

Christel Hoyer: Ja, auf jeden Fall. Denn durch ein hausinternes Gesundheitsmanagement lassen sich am besten themen- und zielgruppenspezifische Maßnahmen planen und umsetzen. Gesundheitliche Problemene tauchen in jedem Unternehmen früher oder später auf.  Wenn dann bereits ein Gesundheitsmanagement mit geregelten Ansprechpartnern und Abläufen etabliert ist, muss das Rad nicht für jeden Einzelfall neu erfunden werden.

? Welche generelle Empfehlungen würde Sie Unternehmen auf den Weg geben, die ein professionelles Gesundheitsmanagement im Unternehmen beginnen wollen?

Christel Hoyer: Ich würde vor allem den klassischen Managementkreislauf empfehlen:
-    Analyse
-    Maßnahmenplanung
-    Evaluation der Umsetzung
-    Nachjustieren
Um ein professionelles Gesundheitsmanagement aufzubauen und zu betreiben, benötigt man zudem einen hochrangigen Verantwortlichen, der Entscheidungen treffen kann und für Kontinuität sorgt – sonst ist es zum Scheitern verurteilt.

? Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft: Was glauben Sie, welche Bedeutung das Thema psychische Gesundheit und entsprechende Maßnahmen in fünf bis zehn Jahren einnehmen werden?

Christel Hoyer: Die Bedeutung wird eindeutig zunehmen. Die Zahl der körperlichen Erkrankungen geht Dank der zunehmenden Umsetzung von Ergonomiemaßnahmen in den Unternehmen weiter zurück. Psychische Belastungen, Fehlbeanspruchung und Krankheiten sowie der Umgang mit ihnen und das Entwickeln entsprechende Maßnahmen werden uns hingegen in absehbarer Zeit in immer höherem Maße beschäftigen.

? Frau Hoyer, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit in Sachen Betriebliche Gesundheitsförderung.


Das Interview führte Sascha Jussen, Fachreferent Online-Redaktion
 ( DGFP).

Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.

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