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14.11.2011
"Voraussetzung ist ein positives Menschenbild" – Interview zum Thema nachhaltiges Personalmanagement
? Bitte stellen Sie sich und ihren Bezug zu nachhaltigem Personalmanagement kurz vor.
Jürgen Weißenrieder: Nach zehn Jahren im operativen Personalmanagement verschiedener Unternehmen bin ich nun seit fünfzehn Jahren als Personalmanagementberater, Trainer und Coach in Projekten für Unternehmen tätig. In den verschiedenen Projekten und Unternehmen wurden mit ähnlichen Instrumenten sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielt. Auf der Suche nach den Ursachen entstand das Konzept oder besser die Denkhaltung des nachhaltigen Personalmanagements. Um das Thema weiter zu verfolgen, haben wir in 2010 das INPM – Institut für Nachhaltiges Personalmanagement GmbH gegründet.
Marijan Kosel: Mein Werdegang weist eine
erstaunliche Ähnlichkeit auf. Ich war zwölf Jahre bei der
Daimler-Benz AG in Untertürkheim in den Bereichen
Personalcontrolling, Personal- und Organisationsentwicklung sowie
der Personalbetreuung tätig. Seit dem Jahr 2000 bin ich als
Berater, Trainer und Coach im Einsatz. 2003 habe ich zusammen mit
Jürgen Weißenrieder die WEKOS
Personalmanagement GmbH gegründet. Irgendwann hat uns
schließlich der Ansatz des nachhaltigen Personalmanagements
"gepackt". In unserem ersten Buch, das 2005 erschienen ist, haben
wir dann unser Konzept eines ganzheitlichen "Nachhaltigen
Personalmanagements" entwickelt.
? Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde eine Zeit lang
insbesondere im Bereich der Politik so inflationär und teils
missbräuchlich verwendet, dass seine wahre Bedeutung kaum noch zum
Tragen kam. Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit und ganz konkret
unter nachhaltigem Personalmanagement?
Marijan Kosel: Wir haben auch lange darüber nachgedacht,
wie wir unseren Ansatz nennen sollen, eben weil uns der Begriff
schon ziemlich abgegriffen erschien. Letztlich kamen wir aber zu
dem Ergebnis, dass "Nachhaltigkeit" genau das ausdrückt, worum es
uns geht. Nachhaltiges Personalmanagement - kurz NPM - bedeutet für
uns, die Personalarbeit im Unternehmen so zu gestalten, dass die
Interessen der beiden Sozialpartner, also die Mitarbeiter- und die
Unternehmensinteressen auf Dauer und in einem hohen Maße erfüllt
werden. Es ist wie in jeder anderen Beziehung auch: Beziehungen
halten auf Dauer nur, wenn beide Partner von einander profitieren.
Dabei sollte die Balance von Geben und Nehmen auf einem hohen
Niveau gewährleistet sein. Unternehmen erwarten von ihren
Mitarbeitern vor allem Identifikation, Engagement und Loyalität.
Mitarbeiter erwarten neben einer interessanten Aufgabe und einer
guten Bezahlung vor allem Wertschätzung und Anerkennung, ein gutes
Betriebsklima, Mitgestaltungsmöglichkeiten ebenso wie
Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven. Die Aufgabe des
Personalmanagements besteht daher darin, Rahmenbedingungen zu
schaffen und Instrumente zur Verfügung zu stellen, die einerseits
eine hohe Leistungs- und Aufgabenorientierung und andererseits eine
hohe Mitarbeiterorientierung sicherstellen.
? An welchen Prinzipien sollte sich ein nachhaltiges
Personalmanagement konkret ausrichten?
Marian Kosel: Aus unserer Sicht sind für ein nachhaltiges
Personalmanagement folgende Prinzipien wichtig:
1. Auf Führung kommt es an
2. Ziele müssen klar sein
3. Betroffene zu Beteiligten machen
4. Orientierung an Ergebnissen, Qualität und
Leistung
5. Kultur der Offenheit und Wertschätzung im
Unternehmen
6. Mitarbeiter am Erfolg beteiligen
Die Umsetzung dieser Prinzipien erfolgt über geeignete
NPM-Instrumente. Das können, um nur einige Beispiele zu nennen,
durchgängige Zielsysteme, leistungs- und erfolgsabhängige
Vergütung, Mitarbeiter-Feedbacks oder auch
Mitarbeiterjahresgespräche sein.
? Ist nachhaltiges Personalmanagement damit wirklich etwas
Neues oder ist es doch nur "alter Wein in neuen Schläuchen"?
Jürgen Weißenrieder: NPM ist keine neue Erfindung, obwohl
wir das als Berater natürlich sehr gerne für uns beanspruchen
würden. Nein, im Ernst: Es gibt viele Unternehmen, die schon seit
vielen Jahrzehnten in ihrem Personalmanagement nachhaltig agieren.
Wir versuchen deren Erfolgsgeschichten einen konzeptionellen Rahmen
zu geben und diese Denkhaltung und die dazu passenden Prozesse
reproduzierbar zu machen. Damit werden sie auch für andere
Unternehmen zugänglich und anwendbar.
? Unternehmen agieren primär nach ökonomischen
Gesichtspunkten. Welche Vorteile hat es aus Sicht des Unternehmens,
das Personalmanagement an Prinzipien der Nachhaltigkeit
auszurichten?
Marijan Kosel: Der Zusammenhang liegt auf der Hand.
Mitarbeiter, deren Erwartungen auf Dauer nicht erfüllt werden,
reagieren letztlich immer mit Kündigung der Sozialpartnerschaft.
Diejenigen, die gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, kündigen
ihr Arbeitsverhältnis und verlassen das Unternehmen. Mitarbeiter,
die keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, kündigen auch,
allerdings nur innerlich. Sie machen dann bestenfalls noch Dienst
nach Vorschrift. Welche Auswirkungen das auf Dauer hat, kann sich
jeder leicht ausmalen: Die Aufgaben- und Leistungsorientierung
leidet und damit die Produktivität. Der Zusammenhang zwischen
Engagement bzw. Identifikation und dem Unternehmenserfolg ist durch
zahlreiche Studien ja hinreichend belegt. Den ökonomischen Nutzen
nachhaltigen Personalmanagements haben wir übrigens auch in einer
unserer Studien nachgewiesen, die wir 2008 durchgeführt haben. Das
zentrale Ergebnis der Studie war eindeutig: Unternehmen mit NPM
sind langfristig wirtschaftlich erfolgreicher.
? Was sind Mindeststandards, die erfüllt sein müssen, damit
ein Unternehmen sein Personalmanagement als nachhaltig bezeichnen
kann?
Jürgen Weißenrieder: Die Entwicklung des Denkmodells "NPM
- Nachhaltiges Personalmanagement" ist noch nicht so weit, dass man
von Mindeststandards sprechen könnte. Es gibt zwar (auch
internationale) Auditierungsverfahren, die nachhaltiges
Wirtschaften und damit auch nachhaltiges Personalmanagement
zertifizieren. Die Maßstäbe sind allerdings noch uneinheitlich und
die Messbarkeit ist eingeschränkt. Einigermaßen durchgängig findet
man aber als Eckpunkte eine hohe Anforderung an die
Professionalität der Personalprozesse. Dies gilt für die
angewandten Instrumente in allen relevanten Personalprozessen wie
Personalführung, -auswahl, und -betreuung sowie
Leistungsmanagement und Vergütung wie auch Personal- und
Managemententwicklung. Insgesamt geht es darum, diese Instrumente
nicht nur anzuwenden, sondern die Menschen im Unternehmen wirklich
und nicht nur zweckmäßigerweise als "höchstes Gut" zu
behandeln.
? Was müsste sich aus Ihrer Sicht in deutschen Unternehmen
heute ändern, damit nachhaltiges Personalmanagement Wirklichkeit
wird?
Jürgen Weißenrieder: Es ist sicherlich eine
Binsenweisheit, dass deutsche Unternehmen sehr unterschiedlich
aufgestellt sind. Wir können aber sehr klar Unternehmen erkennen,
denen wichtige Personalmanagementinstrumente wie z.B. eine
systematische Personalauswahl oder Personal- und
Managemententwicklung noch fehlen. Wir stoßen aber auch auf
Unternehmen, in denen die Instrumente zwar vorhanden sind, aber die
durchgängige professionelle Handhabung noch nicht vollständig
entwickelt ist. Von wirklich nachhaltigem Personalmanagement können
wir dann sprechen, wenn die Instrumente nicht nur vorhanden sind,
sondern auch in einem gemeinsamen Stil und mit Herzblut angewendet
werden. Es geht also nicht nur um das "seelenlose Bedienen" der
Instrumente, sondern die Anwendung auf der Basis einer gemeinsamen
Überzeugung der Anwender und einer langfristigen
(Entwicklungs-)Orientierung.
? Mit wie viel Zeit muss man rechnen, wenn man ein
"konventionelles" Personalmanagement auf Nachhaltigkeit umstellen
will?
Marijan Kosel: Das lässt sich nicht in einer genauen Zeitspanne quantifizieren. Wenn es um die Einführung konkreter NPM-Instrumente geht, dann lässt sich das sicherlich in wenigen Jahren realisieren. Allerdings, und das ist das Entscheidende, eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltiges Personalmanagement ist die schon mehrfach angesprochene Grundhaltung mit einem positiven Menschenbild. Schließlich geht es dabei vor allem um eine positive Gestaltung der Beziehungen zwischen dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern und ein positives Menschenbild. Ohne diese Grundhaltung werden die NPM-Instrumente ohne Herzblut und Überzeugung nur bedient. Ein Paradebeispiel hierzu stellen die Mitarbeiterjahresgespräche dar, die in manchen Unternehmen bei manchen Führungskräften zu sinnentleerten Ritualen verkommen sind. Da gibt es auf der einen Seite Führungskräfte, denen es nur darum geht, mit der Unterschrift des Mitarbeiters den Gesprächsvollzug an die Personalabteilung melden zu können. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen ohne einen definierten und dokumentierten Mitarbeiterbeurteilungs- oder -gesprächsprozess. In denen tun Führungskräfte aber das offensichtlich Notwendige mit Selbstverständlichkeit und mit Herzblut, nämlich Erwartungen zu formulieren und den Mitarbeitern regelmäßig Feedback zu geben.
NPM bedeutet für uns vor allem, die Beeinflussung und Gestaltung
von Grundhaltungen und damit der Kultur im Unternehmen. Das geht
nicht in zwei oder drei Jahren, sondern da denken wir in Zeiträumen
von zehn Jahren und mehr. Nachhaltigkeit braucht einen langen Atem,
nicht nur im Personalmanagement.
? Wenn Nachhaltigkeit zumindest zu einer von verschiedenen
Zielgrößen wird, wie lässt sich dann der entsprechende "Erfolg"
nachweisen?
Marijan Kosel: Wir haben den Zusammenhang zwischen
nachhaltigem Personalmanagement und wirtschaftlichem Erfolg in
unserer NPM-Studie 2008 eindeutig nachgewiesen. Ein weiteres
Ergebnis war, und das ist wenig überraschend: Je mehr Unternehmen
in nachhaltiges Personalmanagement investieren, umso höher ist die
Mitarbeiterzufriedenheit. Im Übrigen sollten wir nicht dem Irrtum
unterliegen, alles messen und nachweisen zu können und es mit
Albert Einstein halten, der einmal gesagt hat: "Nicht alles, was
man messen kann, zählt und nicht alles, was zählt, kann man
messen."
? Was glauben Sie - wird Nachhaltigkeit in zehn Jahren eine
Selbstverständlichkeit im Personalmanagement sein?
Jürgen Weißenrieder: Ein Merkmal von NPM ist die
Entwicklung einer attraktiven, authentischen Arbeitgebermarke.
Angesichts der demografischen Entwicklung werden die Unternehmen,
die etwas ganz anderes als NPM praktizieren, wenig Chancen haben,
sich zu einer attraktiven, wettbewerbsfähigen Arbeitgebermarke zu
entwickeln. Der Wettbewerb um die passenden Arbeitskräfte wird das
auf allen Anforderungsniveaus entscheiden. Für einige Zielgruppen
und in einigen Regionen ist der Engpass heute schon spürbar. Ob NPM
in zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit sein wird, lässt sich
schwer vorhersagen. Wir können aber sicher sein, dass die
Unternehmen, die nachhaltiges Personalmanagement leben, sich
wirtschaftlich besser entwickelt haben werden.
? Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg in
Sachen „Nachhaltiges Personalmanagement“.
Das Interview führte Sascha Jussen, Fachreferent
Online-Redaktion.
Weitere Links zu diesem Thema
Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.
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