"Was sind unsere Mitarbeiter wert? - Humankapitalbewertung in der Diskussion"

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Herzlich Willkommen zum heutigen DGFP Experten-Chat zum Thema „Was sind unsere Mitarbeiter wert? – Humankapitalbewertung in der Diskussion“. Ich begrüße ganz besonders Herrn Professor Dr. Marr, der Ihnen nun als Experte für Ihre Fragen zur Verfügung steht.

Kathy Lehne: Worin besteht die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Humen-Capital-Managements?

Prof. Marr: Liebe Frau Lehne. Sie beginnen gleich mit der schwierigsten Fragestellung wobei das Problem im Begriff ganzheitlich liegt. Ganzheitlich kann sich ja sowohl auf die Art des Berechnungsansatzes wie auf den Berechnungsgegenstand beziehen. In Bezug auf beide wird es noch eines Erfahrungssammlungsprozesses bedürfen, um von "ganzheitlich" sprechen zu können. Gegenwärtig verfügen wir über keine befriedigenden ganzheitlichen Ansätze. Wir werden Sie aber brauchen, um die Entscheidungsprozesse, die unsere international wichtigste Wettbewerbsressource betreffen besser steuern zu können. Vielleicht können Sie Ihre Frage auch noch etwas präzisieren.

M. Braunberg: Welche konkreten Ansätze zur Humankapitalbewertung gibt es eigentlich?

Prof. Marr: Herr Braunberg, die übliche Differenzierung geht von drei unterschiedlichen Ansätzen aus, einem Kostenansatz, einem preisorientierten Ansatz (Wiederbeschaffungspreise) und einem Kapitalwert- bzw. erfolgsorientierten Ansatz. Der sinnvollste erscheint mir dabei der erfolgsorientierte Ansatz. Auf ihn hat sich beispielsweise auch das Institut der Deutschen Wirtschaftsprüfer geeinigt und Standards für die Bewertung entwickelt. (idw S5)

Kathy Lehne: Wie kann die Personalarbeit hinsichtlich eines effektiven Human-Capital-Managements gestaltet werden?

Prof. Marr: Liebe Frau Lehne, für ein effektives Human Capital Management muss die Personalarbeit inhaltlich wie organisatorisch angepasst werden. Inhaltlich muss sich das Personalmanagement sehr viel intensiver mit der Geschäftsabwicklung beschäftigen, um plausible Hypothesen über Ursache-Wirkungs-Effekte entwickeln zu können. Organisatorisch scheint mir eine stärkere funktionale Dezentralisierung erforderlich, nicht zuletzt um bei den Entscheidungsträgern in der Linie ein personalbezogenes  Wertebewusstsein zu entwickeln.

M. Braunberg: Was sind aus Ihrer Sicht Argumente für die Einführung von Human-Capital-Management?

Prof. Marr: Herr Braunberg, es sind sicher eine ganze Reihe von Argumentationslinien zur Begründung eines Human-Capital Managements denkbar. Denken Sie nur einmal  an die Ergebnisse der Gallup-Analysen der letzten Jahre hinsichtlich des Engagement-Indexes in Deutschland. Oder an die demographische Entwicklung. Die erste  Argumentationslinie würde darauf hinauslaufen, dass wir das Mitarbeiterpotenzial, das wir haben, wesentlich besser nutzen müssten, die zweite darauf, dass wir bei den sich  abzeichnenden Verknappungstendenzen mit Entscheidungsprozessen, die die Gewinnung, den Einsatz, die Qualifizierung, die Motivierung, aber natürlich auch die Freisetzung von Mitarbeitern betreffen wertbewusster umgehen müssen.

Gast: Wie stark findet der Faktor Humankapital bei Rating-Agenturen beispielsweise in Vorbereitung auf eine Kreditvergabe schon Beachtung. Wird die Bedeutung dieses Sektors hier wachsen?

Prof. Marr: Rating-Agenturen und Banken haben nach meinem derzeitigen Kenntnisstand noch keine ausreichenden Verfahren entwickelt um den Faktor Human-kapital bei der Kreditvergabe zu berücksichtigen. Sie sind aber dabei und es bereitet mir offen gestanden etwas Sorge, dass die Wirtschaft aus dieser Richtung eines Tages vor "vollendete Tatsachen" gestellt werden könnte. Deshalb ist die Intensivierung von Bemühungen um geeignete Verfahren in Wirtschaft und Wissenschaft dringlich.

Gast: Wird sich der Ansatz Humankapital in einem "Gesamtvermögens-wert" auszudrücken bewähren? Welche Vor- und Nachteile bringt diese Herangehens-weise mit sich?

Prof. Marr: Ich bin skeptisch, ob sich Humankapital sinnvoll in einem Gesamtvermögenswert abbilden lässt. Dazu steht auch die Netzwerkforschung noch zu sehr am Anfang.

Gast: Welche Unternehmen arbeiten bereits mit einem Human Capital Ansatz erfolgreich?

Prof. Marr: Ich bin bisher noch auf keine Unternehmen gestoßen, die mit einem wirklichen Human-Capital Ansatz praktisch arbeiten. Aber vielleicht ist dies auch ein Informationsdefizit. Eine fundiertere Antwort könnten Sie beim Human-Capital-Club, den es mittlerweile nicht nur in München gibt, erhalten.

Matthias Kappich: Wie gestaltet sich die Entwicklung im Europäischen Ausland?

Prof. Marr: Sehr geehrter Herr Kappich, ich habe danach auch einmal gesucht, bin aber nicht fündig geworden. Die ursprünglich skandinavischen Ansätze, scheinen weder  eine größere Diffusion in Europa gefunden zu haben, noch (in Skandinavien) weiterentwickelt worden zu sein. Ich kann mir aber keine allgemein gültige Aussage anmaßen.

Gast: Ist absehbar, dass sich in naher Zukunft ein standardisierter Ansatz/Herangehensweise zur Bewertung des Human Capital durchsetzen könnte und wie könnte ein solcher Ansatz aussehen?

Prof. Marr: Das könnte durchaus sein, weil - wie Sie ja schon angemerkt haben - ein wachsender Bewertungsbedarf besteht. Ich hatte schon auf den idw S5 hingewiesen, der im letzten Jahr für immaterielle Vermögenswerte vereinbart wurde und gehe davon aus, dass insbesondere die großen Beratungsgesellschaften erhebliches intellektuelles Potenzial in die Entwicklung standardisierbarer Verfahren stecken werden. Am weitesten scheint mir hier PWC zu sein.

Petermann: Wie entwickelt sich die Diskussion um Human Capital im internationalen Bereich? Ist man in den USA schon weiter?

Prof. Marr: Herr Petermann, die Diskussion begann ja in den USA, ist aber bislang nicht zu einem Ergebnis gelangt, dass man sagen könnte, sie seien weiter. Dafür würde schon der schnelle Know-how Transfer innerhalb der großen internationalen Beratungsgesellschaften Sorge tragen. So viel ich weiß, hat PWC das in diesem Bereich führende amerikanische Saratoga-Institute gekauft, um auf diesem Gebiet schneller voran zu kommen. Wir dürfen gespannt sein.

Petermann: Lässt sich der Zusammenhang zwischen unternehmerischem Erfolg und Investition in Human Capital wirklich nachweisen? Welche Studien/Quellen gibt es hier, auf die man sich berufen kann?

Prof. Marr: Ich denke schon, dass sich der Zusammenhang zwischen unternehmerischen Erfolg und Investition in Human Capital nachweisen lässt. Erste Studien sowohl in den USA wie auch bei uns deuten dies jedenfalls an. In zwei Analysereihen kamen z.B. U. Wucknitz zu durchaus überzeugenden Ergebnissen (Unternehemsberatung "Personalwert" in Weimar). Allerdings sind die Studien nicht veröffentlicht.

Petermann: Lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen, was der Begriff Human Capital bedeutet? Der Begriff wird sehr weitläufig verwandt!

Prof. Marr: Human Capital ist der kollektiven Personalpotenzialen aufgrund einerseits individueller Qualifikation und Leistungsbereitschaft sowie andererseits erfolgsbestimmender sozialer Relationen zurechenbarer Erfolgsbeitrag.

Petermann: Stark in der Diskussion waren auch der "Workonomics -Ansatz" von Boston Consulting und die "Saarbrücker Formel". Gibt es eine wachsende Anwenderzahl dieser Modelle?

Prof. Marr: Herr Petermann, glaube ich nicht, weil ich davon ausgehe, dass nach dem ersten Neugiereffekt eine gewisse Ernüchterung bezüglich des Nutzens eingetreten ist.

Hohlenbeck: Was ist mit dem Thema Wissenbilanzen, handelt es sich nur um ein von der Bundesregierung zeitweilig gefördertes "Modethema"?

Prof. Marr: Die Diskussion über Wissensbilanzen war eine "logische" Folge des ersten Hypes zum Wissensmanagements. Ich würde das Thema aber trotzdem nicht als "Modethema" bewerten, denn die darin liegende Grundidee ist nach wie vor von Bedeutung. Sie bedarf aber noch ernsthafter Auseinandersetzungen in Wissenschaft und Praxis.

Hohlenbeck: Wie weit findet der Faktor Human Capital bei Unternehmensfusionen schon Beachtung und wie geschieht dies?

Prof. Marr: Schon vor einigen Jahren wurden bei Roland Berger erste Grundstrukturen für eine HR-Due Diligence entwickelt und situationsspezifische Modifikationen dürften in allen gut gesteuerten Unternehmensfusionen eine Rolle spielen. Allerdings spielt sich das was Sie meinen im Regelfall nicht auf der Ebene einer Human-Capital-Analyse ab, sondern eines Management Audits.

DGFP: Der Chat geht nun zu Ende und wir danken allen Beteiligten für das Interesse. Unser besonderer Dank gilt Ihnen, Herr Professor Marr, für die interessanten Ausführungen
und Informationen.

Prof. Marr: Ich bedanke mich für Ihre interessanten Fragen und hoffe, dass Sie mit meinen Antworten etwas anfangen konnten. Das Thema wird uns noch weiter beschäftigen müssen.

Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.