"Personalmanagement in turbulenten Zeiten - Risiken, Herausforderungen und Chancen"
Sascha Jussen, DGFP: Willkommen zum heutigen Chat. Das Thema "Personalmanagement in turbulenten Zeiten - Herausforderungen, Risiken und Chancen" bietet Raum für viele Fragen und Meinungen. Ich begrüße heute ganz besonders Herrn Professor Gerold Frick, Geschäftsführer der DGFP e.V., und Dr. Sascha Armutat, Leiter des Referats Arbeitskreise der DGFP e. V. Beide stehen Ihnen nun im Chat als Experten für Ihre Fragen und Diskussionen zur Verfügung.
Marc Quandel: Guten Tag! Wie sehen Sie die Risiken bei der Personalplanung in der derzeitigen Wirtschaftskrise?
Sascha Armutat: Eine gute Frage: Es geht vor allem darum, auf Sicht zu planen und verschiedene Szenarien zu entwickeln.
Gerold Frick: Ergänzend zur kurzfristigen Personalplanung ist eine strategische Personalplanung sehr wichtig, um die mittelfristigen Personalkapazitäten und deren Kompetenzen zu kennen.
Kris Böhle: Nehmen Sie ebenfalls die Tendenz wahr, dass PE-Systeme wg. der Turbulenzen zunehmend in Frage gestellt werden?
Sascha Armutat: Das können wir so pauschal nicht bestätigen. Unsere Mitgliedsunternehmen signalisieren uns immer wieder, auch gegenwärtig, dass sie es für zwingend notwendig erachten, ihre langfristigen PE-Systeme nicht in Frage zu stellen. Talent Management bleibt in diesem Zusammenhang ein Top-Thema für viele Unternehmen.
Hanna Hallier-Reuff: Ein spannendes Thema haben Sie sich ausgesucht. Können Sie eine Aussage über die Qualifikation der durch die Wirtschaftskrise freigesetzten Arbeitnehmer treffen?
Gerold Frick: Derzeit liegen uns keine detaillierten Informationen über die maßgeblich freigesetzten Qualifikationsgruppen vor. Generell sind besonders unqualifizierte und gering qualifizierte Mitarbeitergruppen von den Freisetzungsmaßnahmen betroffen sowie Beschäftigte, die unmittelbar in der Produktion von Kapazitätsrückgängen betroffen sind.
Sascha Armutat: Allerdings ist etwas anderes als Freisetzung zu beobachten: In unserer Memorandum-Initiative haben sich einige Unternehmen dagegen ausgesprochen, aktionistischen Personalabbau zu betreiben. Ähnliche Aussagen findet man auch in der Tagespresse.
Hanna Hallier-Reuff: Welche personalpolitischen Konsequenzen erwarten Sie aus der Wirtschaftskrise allgemein?
Gerold Frick: Die personalpolitische Konsequenz in der Wirtschaftskrise ist, dass Personalarbeit einerseits kurzfristige Maßnahmen ergreifen muss, um mit personellen Kapazitätsüberhängen und Personalkostenreduzierungen umzugehen.
Gerold Frick: Andererseits muss die Personalpolitik den strategischen Erfordernissen wie demografischer Wandel, Fachkräftemangel, Sicherung der Arbeitgeberattraktivität Rechnung tragen.
Kris Böhle: Lassen sich aus der Finanzkrise Rückschlüsse für das eigene Personalmanagement ziehen z. B. Neubewertung von Humankapital: A. Malinski
Sascha Armutat: Dieser Trend eines veränderten Stellenwertes des Human Kapitals lässt sich seit einiger Zeit beobachten. Es ist m.E. tatsächlich zu erwarten, dass humankapitalbezogene Bewertungsverfahren in der Unternehmensbewertung, der Risikobewertung etc. an Bedeutung gewinnen. Das wird sicher durch die Krisenerfahrungen begünstigt: Letztlich stehen handelnde Personen hinter den Krisen treibenden Aktivitäten bspw. am Finanzmarkt.
Erik Hirsch: Welche Alternativen sehen Sie, wenn im Unternehmen entschieden wird, die Trainingskosten um 100% zu kürzen ?
Gerold Frick: Als Alternative sehe ich personalkostenbezogene Äquivalente anzubieten. Also wo können an anderer Stelle mit Maßnahmen die Personalkosten reduziert werden.
Gerold Frick: Denkbar wären auch betriebliche Vereinbarungen, dass die Unternehmen die Trainingskosten übernehmen und die Mitarbeiter zumindest einen Teil ihrer Freizeit als Eigenbeitrag einbringen.
Kris Böhle: Was antworten Sie auf: „Wir brauchen interne Unternehmer - da müssen Regeln und Systeme auch ‚mal zurückstehen!"
Sascha Armutat: Darauf antworte ich: Ein irregeleitetes Verständnis von Unternehmertum. Unternehmertum kann nur dann erfolgreich sein, wenn es Wertmaßstäben folgt. Ein willkürliches Infragestellen von Regeln und Systemen ist da kontraproduktiv - wenn die Regeln und Systeme nicht um ihrer selbst willen bestehen.
Rebekka Giesen: Wie schätzen Sie die Lage ein? Ist es wirklich so kritisch um Wirtschaft und damit das PM bestellt wie die Medien suggerieren? Oder wird die Krise erst durch die ständige Thematisierung erst recht heraufbeschworen?
Gerold Frick: Das Thema Wirtschaftskrise muss man differenziert sehen. Nicht alle Branchen und Unternehmen sind gleichermaßen betroffen.
Gerold Frick: Ein Teil der Krise mag psychologisch geprägt sein, ein anderer Teil ist auf klaren Fakten wie erosionsartiger Rückgang der Auftragseingänge und der Auslastungssituation gegründet.
Gerold Frick: In der aktuellen Wirtschaftssituation sehe ich die Gefahr, dass es um das Personalmanagement eines Unternehmens schlecht bestellt sein könnte, wenn die falschen und nur kurzfristig angelegten Maßnahmen ergriffen werden.
Annette Gerlach: Diese Maßnahmen sind schön und gut, aber wenn die Führung dies nicht als Äquivalent erachtet?
Gerold Frick: Hierfür müsste ich die Argumente der Führung kennen, um diese Frage zu beantworten. Letztendlich benötigt man bei jeder unternehmerischen Entscheidung ein gewisses Maß an strategischer Managementkompetenz aufseiten der Führungskräfte.
Ramona Fischer: Zurzeit handeln sehr viele Unternehmen mit kurzfristigen Maßnahmen. Was wird uns nach Beendigung dieser erwarten? Wie erhalten wir die Motivation in diesen Zeiten?
Sascha Armutat: Die Folgen von kurzfristigem Aktionismus zeigen sich in allen Belegschaftsstrukturen mit den bekannten Lücken in Alterskohorten, mit massiven Rekrutierungsproblemen und mit Imageproblemen von Unternehmen. Es bleibt nach diesen Lernerfahrungen der frühen 2000er nur eines: Flexibilitätsorientiertes PM betreiben, frühzeitig dafür sorgen, dass es Flexi-Potenziale in den Kapazitäten, den Personalkosten, dem Entgelt gibt. Das lässt sich nur vorausschauend umsetzen - indem man mit Fingerspitzengefühl Personalanpassung betreibt - nach oben und nach unten.
Rebekka Giesen: Welche Reaktionen auf Ihr Memorandum "Die Krise meistern - Arbeitsplätze erhalten" haben Sie vonseiten Politik, Arbeitgeber/Arbeitnehmerverbände, Wirtschaft etc. erhalten?
Gerold Frick: Die bisherigen Reaktionen auf das Memorandum sind rundum positiv. Die Politik begrüßt die darin geäußerten Grundsätze der Selbstverpflichtung für eine verantwortungsvolle Personal- und Beschäftigungspolitik.
Gerold Frick: Die Arbeitgeber verstehen und akzeptieren die Botschaft, in der jetzigen Situation das kurzfristige Notwendige zu tun ohne das strategisch Langfristige zu lassen.
Gerold Frick: Die Arbeitgeberverbände unterstützen das Memorandum durch zahlreiche Empfehlungen betreffend Kurzarbeit und Qualifizierung.
Frieda Lanzig: Welche konkreten Maßnahmen plant die DGFP zur Unterstützung von Personalern in der Krisenzeit?
Sascha Armutat: Mit dem Memorandum haben wir einen wichtigen Akzent im politischen Kontext gesetzt. Auf den darin enthalten Vorschlägen wollen in den nächsten Wochen aufsetzen und unseren Mitgliedern und nicht Mitgliedern Informationen bereitstellen, wie sie die Krise meistern können.
Sascha Armutat: Ein wichtiger Beitrag zum Thema ist das bereits 2006 erschiene Buch flexibilitätsorientiertes Personalmanagement, in dem eine Fülle von Maßnahmen bereits aufgeführt sind. Weiterhin werden wir mit Vorstandsveranstaltungen, Seminaren und Abendforen das Thema aufgreifen. In den Erfa-Gruppen der DGFP werden wir darüber hinaus fortlaufend über die Entwicklungen aus personalwirtschaftlicher Sicht informieren.
Sascha Armutat: Dieser Austausch in den Erfahrungsaustauschgruppen ist für Personaler eine wichtige und wertvolle Hilfe - sie können mit Kollegen ihre Strategien und Maßnahmen diskutieren und voneinander lernen.
Günther Blaumberg: Dem Programm für den DGFP-Kongresses entnehme ich kaum Bezug auf die Krisensituation. Wie kommt das?
Gerold Frick: Beim nächsten DGFP-Kongress am 4./5. Juni 2009 in Wiesbaden haben wir eigens ein Forum Kompakt zum Thema "Krise meistern - Was kann das Personalmanagement tun?" geplant.
Gerold Frick: In diesem Forum wird es darum gehen von erfahrenen Krisenmanagern die Grundgesetzmäßigkeiten von Krisen sowie bedeutende Bewältigungsstrategien zu lernen. Weiter werden verschiedene Personalmanager über ihre HR-spezifischen Lösungsansätze und Erfahrungen in der Krise berichten und mit den Teilnehmern diskutieren.
Christina Reiss: Welche Besonderheiten gelten für mittelständische Unternehmen, die ja weder über die Ressourcen noch die Kapazitäten verfügen, längere Auftragsflauten auch ohne Kündigungen zu überstehen?
Sascha Armutat: Das Maßnahmenspektrum eines KMU ist ähnlich wie das eines großen Unternehmens. Auch hier geht es um Maßnahmen der Kapazitäts-, der Zeit- und der Entgeltflexibilisierung. Allerdings gibt es Unterschiede in der Art und Weise der Realisierung dieser Maßnahmen.
Gerold Frick: Nach meiner Erfahrung bestehen gerade bei KMU häufig noch ungenutzte Potenziale zur Arbeitsflexibilisierung. Die Schwankungsbandbreiten in den Zeitkonten sind häufig noch sehr eng gefasst.
Gerold Frick: Was spricht beispielsweise dagegen, die Schwankungsbreiten nach unten (z. B. -30 Arbeitstage) und nach oben (z. B. +50 Arbeitstage) auszuweiten?
Sascha Jussen, DGFP: Der Experten-Chat geht nun langsam zu Ende. Im Namen der DGFP bedanke ich mich bei allen Teilnehmern für ihr Interesse und bei unseren beiden Experten für ihre interessanten Ausführungen. Weitere Informationen zum Thema "Personalmanagement in turbulenten Zeiten" finden Sie auch auf der Startseite des neuen DGFP-Portals unter „Thema des Monats Februar 2009".
Sascha Armutat: Vielen Dank für die spannenden Fragen!
Gerold Frick: Vielen Dank! Sind Sie in Ihren Rollen ein verantwortungsvoller Partner für professionelles Personalmanagement in der Krise. Viel Erfolg!
Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.


