Leseproben

8/2010 Personalmanager im (Un-)Ruhestand

Jahrzehntelange Erfahrung im Personalmanagement, ständiger Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen, ein Beruf, der mehr ist als reiner Broterwerb – kann man all das mit dem Eintritt in den Ruhestand hinter sich lassen? Nein, lautet die eindeutige Antwort unserer Interviewpartner, vier ehemalige Führungskräfte aus dem HR-Bereich. Sie alle engagieren sich auch nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben noch vielfältig, teils im alten Aufgabengebiet, teils in neuen Bereichen.

Etwas im Rucksack, das man weitergeben kann

„Für mich war der Eintritt in den Ruhestand nur ein gradueller Übergang in eine Phase, in der ich nicht mehr gegen Geld, sondern ehrenamtlich arbeite. Ich habe meinen Beruf immer mit Begeisterung ausgeübt, das hört mit der Rente nicht einfach auf“, erklärt DR. KLAUS DIELMANN, 70, seit 2005 im Ruhestand, zuletzt Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der Corus Deutschland GmbH. Außerdem habe man etwas im Rucksack, das man weitergeben könne, sagt er.

Dielmann verfügt über 40 Jahre Erfahrung als Personaler. Sein ehrenamtliches Engagement entspricht vom Umfang her immer noch einer Halbtagsstelle. Zum Teil ist er dabei seinem alten Arbeitsbereich treu, zum Beispiel als Schulleitungs-Coach, Kurator der Stiftung ProAusbildung oder als Mitglied im Beirat Sozialwissenschaftliches Institut der Heinrich-Heine-Universität.

Ganz bewusst sucht Dielmann sich aber auch neue Herausforderungen, etwa als Finanzrichter, Schiedsmann und Schiedsobmann, Hotel-Tester und vor allem in der Gründer- und Nachfolger-Beratung „Alt hilft Jung NRW e.V.“. Bei der Frage nach dem spannendsten Projekt seiner nachberuflichen Laufbahn kann er sich nur schwer entscheiden. Zum einen ist da die Begleitung einer Unternehmensgründerin, die italienische Stoffe an deutsche Verarbeiter vermittelt und die inzwischen sehr erfolgreich ist und eigene Mitarbeiter beschäftigt.

Sehr erfüllend war aber auch die Rettung von 150 der insgesamt 350 Arbeitsplätze eines insolventen Unternehmens im Ruhrgebiet. „Ich war zwei Monate jeweils zwei Tage pro Woche eingespannt: strategische Planung, Produktionsverlagerung nach China, Suche von neuen Geschäftsführern etc.“, erinnert sich Dielmann. Zu seinen besonderen Einsätzen zählt zudem die Hilfe bei der Einführung des Master-Studienganges Entrepreneurship an der Islamischen Staatsuniversität in Islamabad. Bei seinem Einsatz vor Ort ist Dielmann nur knapp einem Bombenanschlag entgangen.

„Know-how muss aktualisiert werden“

BERND LANDFERMANN (Jahrgang 1940, ist seit 2001 im Ruhestand, zuletzt war er Bereichsleiter Tarifwesen und Entgelt für Angestellte bei Thyssen-Krupp. Insgesamt 36 Jahre hat Landfermann als Personaler gearbeitet.

Jeden Tag nur Golf zu spielen oder Rasen zu mähen, war keine Perspektive für Bernd Landfermann. Er wollte sich auch im Ruhestand noch aktiv in die Gesellschaft einbringen, bei wirtschaftlichen Themen auf dem Laufenden bleiben und etwas für seine Region tun. Heute engagiert er sich als Vereinsvorsitzender für den Erhalt einer historischen Parkanlage, als Schulleitungs-Coach und als Senior-Experte des gemeinnützigen Vereins STARTER Consult in Essen. Dafür ist er knapp den halben Monat im Einsatz.

Die meiste Zeit nimmt das Engagement für STARTER Consult ein, in dessen Auftrag er Unternehmen zu den Themen Gründung, langfristige Sicherung oder Nachfolgeregelung berät. „Es handelt sich zwar überwiegend um Personalfragen, aber auch weitergehendes Wissen ist gefragt, zum Beispiel zu Umsatz- und Liquiditätsplanungen oder Buchhaltung“, erklärt Landfermann. Der Erfahrungsschatz allein reicht da nicht aus, altes Know-how muss aktualisiert und neues dazugelernt werden. Regelmäßig stehen daher Fortbildungen auf dem Programm. „So ist man einerseits zwar gefordert, hat aber andererseits auch viel Spaß“, betont Landfermann.

Insgesamt hat er inzwischen über 30 Unternehmen als Senior-Experte gecoacht. Persönlich sehr interessant fand er beispielsweise die Unterstützung von Hochschulabgängern bei der Gründung einer Personalberatung, die deutsche Unternehmen mit Niederlassungen in Indien unterstützt, für die dortigen Standorte geeignetes Personal zu finden. Das Unternehmen arbeitet erfolgreich.

Wird man mit grauen Schläfen in aktuellen Projekten überhaupt akzeptiert? „Vorbehalte haben nichts mit dem Alter zu tun, sondern eher mit externer Beratung überhaupt. Wenn ich es schaffe, auf Anhieb das wichtigste Problem mit dem Unternehmen gemeinsam zu lösen, ist das Eis gebrochen“, weiß Landfermann zu berichten.

„Mehr Anerkennung als im Beruf“

VOLKER JEUTHE (66, seit 1999 im Ruhestand, war zuletzt Teamleiter Personalbetreuung bei der Daimler AG und hat  29 Jahre Erfahrung als Personaler.

Das Thema Ruhestand hat Volker Jeuthe unvorbereitet getroffen. Er war 55 Jahre, als er sich innerhalb von acht Wochen entscheiden musste, ob er in den Vorruhestand gehen sollte oder nicht. „Das war bitter. Ich hab mich schließlich für die Frühpension entschieden und es im Nachhinein nie bereut“, berichtet er. Dennoch musste sich der Personaler nach seinem Abschied aus dem Erwerbsleben zunächst neu orientieren. „Ich bin damals den Jakobsweg gewandert, das war gut so“, erinnert er sich.

Nach der Zeit des Sammelns hat Jeuthe sich neuen Herausforderungen gestellt. Als Berater des Senior Experten Service SES war er bei vielen Auslandseinsätzen unterwegs. Siebenmal reiste er nach Russland, hat dort Universitäten, Küchenmöbel-Hersteller, Restaurant- und Kinobesitzer gecoacht, Personalberater, Studenten und Professoren geschult. Viermal beriet er einen Autohändler in Bulgarien, einmal unterrichtete er Unternehmer in Moldawien. So unterschiedlich die Ziele und Branchen waren, inhaltlich befassten sich alle Projekte mit HR-Themen.

Geblieben sind viele bewegende Erinnerungen. „Als ich in Russland eine ehemalige Projektteilnehmerin Jahre später wiedergetroffen habe, hat sie glücklich über ihren Karrieresprung berichtet. Das hat mich sehr berührt“, erklärt der Senior-Experte. Unvergessen sind auch die rund 100 Studenten in Tscheljabinsk, die an seinen Lippen hingen, oder die gestandene Professorin, die jedes seiner Worte mitschrieb.
Jeuthe war es ein besonderes Anliegen, nicht nur seine Erfahrungen und sein Wissen aus dem Berufsleben weiterzugegeben, sondern auch fachlich immer aktuell zu bleiben. Sein Engagement bewertet er insgesamt als sehr bereichernd: „Ich hab während meiner SES-Einsätze weitaus mehr Wertschätzung und Anerkennung erfahren als während meines ganzen Berufslebens.“

 „Man lernt viel über sich selbst“

FRIEDEL MARTINY (62, seit 2009 nicht mehr angestellt tätig, zuletzt Geschäftsführer und Arbeitsdirektor bei Federal Mogul Holding Deutschland, blickt auf 35 Jahre Erfahrung als Personaler zurück.

„Wenn man lange in einem wirtschaftlich und industriell geprägten Umfeld gearbeitet hat, will man Ziele erreichen. Diese Einstellung legt man auch mit dem Abschied aus dem Erwerbsleben nicht einfach ab“, erklärt Friedel Martiny. Der langjährige Personaler hat sich daher neue Ziele gesetzt. Er will sein Know-how weitergeben, zum einen als selbstständiger Berater, zum überwiegenden Teil aber auf ehrenamtlicher Basis. „Mein Wissen wird noch benötigt, außerdem beschäftige ich mich mit sehr interessanten Themen“, begründet Martiny seine Entscheidung. Für ihn ist das kein Neuland, er engagiert sich schon seit Langem auf breiter Basis. „Ich habe lediglich die Schwerpunkte neu gesetzt“, erklärt er. Sie liegen jetzt im Bereich Gesellschaftspolitik und Bildung.

Viel Zeit widmet er weiterhin seinen Aktivitäten bei Gesamtmetall und beim regionalen Arbeitgeberverband Metall. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Arbeit in einem gemeinnützigen Bildungswerk für die berufliche Qualifizierung von Jugendlichen. Und schließlich entwickelt und veranstaltet er Planspiele und Workshops für Schulen, bei denen zum Beispiel ein Restrukturierungsprozess in einem Unternehmen mit allen Aspekten und Konsequenzen durchgespielt wird.

Diese Aufgaben sind laut Martiny nicht nur sehr interessant, sondern auch absolut notwendig. „Alle Spannungen, die sich im Rahmen von Wirtschaften ergeben, wirken sich auf die Gesellschaft aus und umgekehrt. Insofern betrachte ich mein Handeln als staatsbürgerliche Aufgabe“, erklärt er. Seine neue Rolle als Berater und Coach bringt dem Personaler auch persönlich wichtige Erkenntnisse: „Man lernt viel über sich selbst, reflektiert sein bisheriges Tun nochmals, und das ist gut.“

Ute Schönefeldt, Bielefeldt

ZUR PERSON Ute Schönefeldt ist freie Wirtschaftsjournalistin in Bielefeld.

Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.