Leseproben

7/2010 Studie "Gesundheitsmanagement" 2010

Fakten zur Situation des betrieblichen Gesundheitsmanagements

Im Zeitraum von Januar bis Juli 2009 hat das Forschungsinstitut EuPD Research in Bonn mehr als 1 000 deutsche Unternehmen nach ihren Aktivitäten im betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) befragt. Insgesamt 157 Unternehmen haben geantwortet. Die Studie „Gesundheitsmanagement 2010“ liefert so Zahlen und Fakten zum Status des BGM in deutschen Unternehmen. Dabei wird deutlich, wie die befragten Unternehmen auf die aktuelle Krise reagiert haben, welchen Stellenwert sie dem BGM zuschreiben und welches die bevorzugten und Erfolg versprechenden Konzepte sind.

Dass die Mitarbeiter die wertvollste Ressource jedes Unternehmens sind, ist ein geflügelter Satz. Gerade das moderne Arbeitsleben, das immer mehr am Schreibtisch vor dem PC stattfindet, verlangt motivierte und engagierte Mitarbeiter, die sich mit der eigenen Aufgabe und dem Unternehmen, für das sie arbeiten, identifizieren. Während sich im produzierenden Gewerbe die Mitarbeiterleistung und die Fehlerquote am Ende eines Tages einfach bewerten lassen, fällt dies im Dienstleistungsbereich und gerade in den Managementetagen schwer. Umso mehr überrascht es, zu sehen, dass die meisten Unternehmen zwar stetig Qualität und Leistung der Maschinenparks und IT-Anlagen optimieren, die wichtigste Ressource, die eigenen Mitarbeiter, aber meist noch sich selbst überlassen. Ihr Funktionieren wird vielfach einfach vorausgesetzt.

Vor diesem Hintergrund untersucht die von Handelsblatt, TÜV SÜD Life Service und EuPD Research gemeinsam veröffentlichte Studie „Gesundheitsmanagement 2010“ den Status nachhaltiger betrieblicher Personal- und Gesundheitspolitik in der deutschen Wirtschaft. Demnach zeigt sich in Deutschland eine Zweiteilung: Während ein Drittel der Großkonzerne den eigenen Mitarbeitern bereits ein betriebliches Gesundheitsmanagement bietet und ein weiteres Drittel daran arbeitet, hat weniger als jedes zwanzigste kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) systematische Maßnahmen zur Steigerung beziehungsweise zum Erhalt der Produktivität der Belegschaft implementiert.

Drei verschiedene Szenarien

Die Finanzkrise hat deutliche Spuren im Personal- und Gesundheitsmanagement hinterlassen. Drei grundlegend verschiedene Szenarien des betrieblichen Gesundheitsmanagements lassen sich unterscheiden:

1. Insbesondere in den am stärksten von der Krise betroffenen Unternehmen und im Mittelstand richtet sich der Fokus auf die Optimierung von Prozessen und Lieferketten. Die Mitarbeiter werden oft nur als Kostenfaktor wahrgenommen. Vielerorts wurden Planungen für die Einführung von betrieblichen Gesundheitssystemen aus Kostengründen auf Eis gelegt.

2. In Unternehmen, die sich bereits vor der Krise für die Mitarbeitergesundheit engagierten, hat der Themenkomplex Controlling und Effizienzsteigerung merklich an Bedeutung gewonnen. Wo vorher Leistungen nach dem Gießkannenprinzip verteilt wurden, hat der betriebswirtschaftliche Gedanke nun Priorität: Leistungsportfolios der betrieblichen Gesundheitsförderung wurden zusammengestrichen oder stärker an Effektivitätsgesichtspunkten ausgerichtet, die Win-win-Situation für Mitarbeiter und Unternehmen kommt vielerorts stärker zum Tragen.

3. In der dritten Gruppe hat die Krise bestehende Defizite in der Unternehmenskultur verstärkt und auch für das Management offenbar werden lassen. Sofern geeignete Fürsprecher existieren beziehungsweise eine gewisse Sensibilisierung für die Thematik eingesetzt hat, kann die wirtschaftliche Krise hier als Katalysator für die betriebliche Gesundheitspolitik gewertet werden. Nicht wenige Unternehmen suchen derzeit nach Ansätzen, die eigene Wettbewerbsfähigkeit nicht durch Sparmaßnahmen und Effizienzgewinne auf Kosten der Mitarbeiter, sondern in einer gemeinsamen Anstrengung mit diesen zu verwirklichen.

Was funktioniert, was nicht

Effizient sind Investitionen in die betriebliche Gesundheit aber nur, wenn sie von den Mitarbeitern auch entsprechend angenommen und mitgetragen werden. Viele Unternehmen mussten in den vergangenen Jahren die Erfahrung machen, dass die eigentlichen Zielgruppen nur schwer zu erreichen sind. Bewährt hat es sich, die Beschäftigten direkt am Arbeitsplatz abzuholen. An Bewegungspausen am Arbeitsplatz nehmen im Durchschnitt 30,7 Prozent der Mitarbeiter teil. Den eigenen Fitnessraum, den ein knappes Drittel der befragten Unternehmen eingerichtet hat, nutzt dagegen gut jeder fünfte Mitarbeiter. Die von knapp zwei Dritteln der Betriebe angebotenen Kooperationen mit externen Fitnessstudios werden nur von 7,5 Prozent angenommen.

Studie "Gesundheitsmanagement" 2010

Vor allem im Dienstleistungsbereich und der im Zentrum der Finanzkrise stehenden Finanzbranche nimmt der Themenbereich psychische Belastung heute eine zentrale Position in der sozialen Nachhaltigkeitsstrategie ein. Nicht immer wird dabei aber das angepeilte Ziel erreicht. Wer zum Beispiel verwertbare Antworten zur Stressbelastung der Mitarbeiter sammeln will, benötigt im Vorfeld eine entsprechende an die Mitarbeiter angepasste Handlungsstrategie. Als Best-Practice-Ansätze im betrieblichen Stressmanagement konnten identifiziert werden:

  • unternehmensweite Strategie zum Umgang mit Stress,
  • ganzheitliche Bedarfsanalyse unter Einbeziehung der Mitarbeiter,
  • konzertierte, abgestimmte Maßnahmenpakete auf Basis regelmäßiger Analysen,
  • Gesundheit als Bestandteil der Führungsleitlinien und
  • Flexibilisierung der Arbeitsprozesse und des Arbeitsumfeldes.

Stark gewachsen ist in den letzten Jahren die Zahl der Konzerne, die ihren Mitarbeitern eine Sozialberatung bietet. Rund 60 Prozent der im Rahmen der Studie befragten Großunternehmen tun dies, im Durchschnitt haben acht Prozent der Mitarbeiter ein solches Angebot schon mindestens einmal in Anspruch genommen. Kurse und Seminare zur Stressbewältigung wurden im Durchschnitt bereits von 8,1 Prozent der Mitarbeiter genutzt – mit stark steigender Tendenz.

ZUR PERSON Oliver-Timo Henssler, Diplom-Sozialwissenschaftler, leitet das Sustainable Management Center des Bonner B2B-Marktforschers EuPD Research. Das Unternehmen erforscht den Status betrieblichen Gesundheitsmanagements und unternehmerischer Nachhaltigkeit in Deutschland.

Oliver-Timo Henssler, Bonn

Eine Leistung der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V.