DGFP // Interview: „Die Richtung stimmt“

Ein Gespräch über flexible Arbeitszeiten und den rechtlichen Rahmen mit Dr. Andre-as Hoff, Arbeitszeitexperte

Berlin, 2. November 2017. Die Arbeitszeit ist wieder im Gespräch. Die IG-Metall fordert in den aktuellen Verhandlungen mit den Arbeitgebern für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie ein Recht auf befristete Vollzeit. Auf maximal 28 Stunden sollen die Arbeitnehmer reduzieren können. Ob sie dies durchsetzen kann, bleibt abzuwarten, ist die ausgeschiedene Arbeitsministerin mit einem in ähnliche Richtung zielenden Gesetzesentwurf vor kurzem noch gescheitert. Die Forderungen scheinen aber der Debatte über die Flexibilisierung der Arbeitszeit neuen Auftrieb zu geben. Ein Strohfeuer? Ich, Christian Lorenz, Leiter des DGFP-Büros in Berlin, sprach mit Dr. Andreas Hoff, einem der führenden Arbeitszeitexperten Deutschlands, über das Thema Arbeitszeit, die Trends und rechtlichen Rahmenbedingungen.


Die IG-Metall fordert in den laufenden Tarifverhandlungen neben sechs Prozent mehr Lohn auch ein Recht auf zwei Jahre befristete Teilzeit von bis zu 28 Stunden pro Woche für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Spielt das Thema Arbeitszeit wieder eine größere Rolle in den Betrieben?

Hoff: Ja, auf jeden Fall – wobei es aber eher um andere Dinge geht, wie gesundheitsgerechte Schichtsysteme, die Einhaltung der Vertragsarbeitszeiten, die Kompensation von Mehrarbeit (in Zeit oder Geld) und das mobile Arbeiten.

Die Unternehmen argumentieren gegen ein Recht auf befristete Teilzeit mit dem Argument der jetzt schon fehlenden Arbeitskräfte. Die entstehenden Lücken ließen sich nicht füllen. Überzeugt das Argument? 

Hoff: Nein – weil es im Kern bedeutet, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegen ihren Willen in für sie zu langen Vertragsarbeitszeiten festgehalten werden sollen. Das ist im Übrigen auch wirtschaftlich keine gute Idee, weil es sich in Demotivation, erhöhten Fehlzeiten und verringerter Arbeitsproduktivität niederschlägt. Darüber hinaus muss jedes Unternehmen mit solchen Lücken umgehen können – ebenso wie mit zusätzlichen Kundenaufträgen, die genau dieselben Lücken erzeugen. Genau dafür gibt es ja flexible Arbeits(zeit)systeme – und es wird Zeit, dass diese auch in dieser Hinsicht den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Gute kommen.

Welche Möglichkeiten haben Unternehmen grundsätzlich, die Arbeitszeiten für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter flexibel zu gestalten?

Hoff: Dort, wo Arbeitsaufgaben nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt werden müssen (also bei hohen Anteilen so genannter Termin- oder Speicherarbeit), sollte die Steuerung der Arbeitszeiten den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern grundsätzlich selbst überlassen werden. Hierfür bietet sich als Rahmen entweder der Flexible Tagdienst – eine Gleitzeit ohne Kernzeit und mit fair geführten Arbeitszeitkonten – oder die Vertrauensarbeitszeit an, in der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern selbst für die Einhaltung ihrer Vertragsarbeitszeit sorgen und hierbei bei Bedarf von ihrer Führungskraft unterstützt werden.

Wo im Wesentlichen zeitpunktgenaue Arbeit erforderlich ist – etwa im Schichtbetrieb –, sollten die hierfür erforderlichen disponierten Arbeitszeitsysteme so gestaltet werden, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf die Verteilung ihrer Vertragsarbeitszeit weitestmöglichen Einfluss haben. Dies muss dann in erster Linie in den Planungsprozessen abgebildet werden.

Wie ist der Stand in Deutschland? Werden die Möglichkeiten genutzt?

Hoff: Die Entwicklung ist noch lange nicht dort, wo sie sein könnte und sollte – aber die Richtung stimmt, wie schon in den letzten Jahrzehnten.

Brauchen wir eine Veränderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, um flexiblere Arbeitszeitsysteme anbieten zu können?

Hoff: Nein – das Arbeitszeitgesetz bietet, auch auf Grund vieler Öffnungsklauseln, einen ausreichenden Rahmen. Es geht hierbei schließlich auch um den Gesundheitsschutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Ich kenne keinen Arbeitsmediziner, der für die Abschaffung der gesetzlichen Tages-Höchstarbeitszeit von grundsätzlich zehn Stunden und die Reduzierung der gesetzlichen Mindestruhezeit unter die neun Stunden ist, die heute schon mit Tarifvertrag möglich sind.

 

Das Interview steht hier im PDF Format bereit.

Auf Xing teilen Auf Facebook teilen Auf Twitter teilen RSS-Feed abonnieren E-Mail Telefon