DGFP // Schwerpunkt: Trends in der Dualen Ausbildung

Duale Berufsausbildung: Wege aus dem Dilemma

Mit der dualen Berufsausbildung ist es ein klein bisschen so wie in der Geschichte von dem Scheinriesen bei Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer: Je näher man ihr kommt, desto weniger groß und attraktiv erscheint sie. Während uns das Ausland um das System beneidet, kann man in Deutschland den Eindruck gewinnen, es wäre ein Sorgenkind: Vor allem die nachlassende Attraktivität für die jungen Menschen ist Anlass zur Klage für viele Unternehmen. Sie finden schlichtweg keine Azubis mehr – oder nicht die richtigen.

Die Schuld an dem Dilemma ist nicht ganz klar zuzuweisen: Über Jahrzehnte ist der Wert eines Studiums in Deutschland kontinuierlich gestiegen – auch und vor allem in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Kein Wunder, dass dies, transportiert über die Schulen, Familien, Medien, Freundeskreise, auch bei den Schulabgängern ankommt. Sie stehen vor der Entscheidung, welche Weichen sie wie in ihrem jungen Leben stellen wollen. Sich gesellschaftlichen Trends zu widersetzen, ist dabei nicht ganz so einfach. Entsprechend fällt die Wahl oftmals auf das Studium.

Drei Wege aus dem Dilemma

Abseits der Frage nach der Schuld an dem Dilemma sind Lösungen gefragt. Unbestritten ist zunächst, dass die Wirtschaft, sprich die Unternehmen, Auszubildende suchen – und brauchen. Ausbildungsberufe werden auf absehbare Zeit weiterhin ein wesentlicher Bestandteil unserer Berufs- und Arbeitswelt sein, daran verändert auch die Digitalisierung nur wenig. Auch an einem zweiten Umstand lässt sich zumindest kurz- und mittelfristig nicht rütteln: Die Zahl derer, die überhaupt für eine Ausbildung infrage kommen, wird sinken, zumindest aber nicht steigen. Die Generation der Babyboomer hat es ihren Eltern nicht gleichgetan. Es werden schlichtweg zu wenig Kinder in diesem Land geboren.

Wie aber das Problem der zu geringen Zahl an Ausbildungswilligen angehen? Drei Wege, die durch Politik und Unternehmen gegangen werden können und auch schon gegangen werden: 1. Die eigenen Ansprüche an die Bewerberinnen und Bewerber absenken. 2. Die Attraktivität der Ausbildung für diejenigen erhöhen, die unentschlossen sind. 3. Die Basis derer, die für eine Ausbildung zur Verfügung stehen, vergrößern.

Bei der Integration lernschwacher Jugendlicher umdenken

Jeder weiß, lernschwache Jugendliche in und durch die Ausbildung zu bringen, ist herausfordernd – für beide Seiten. Wo bestehen Defizite? Wie können diese behoben werden? Was leisten die Berufsschulen? Wer mit diesen Menschen arbeitet, braucht Zeit und damit Ressourcen. Ein – ökonomisch gesprochen – Invest, dessen Erfolg sich möglicherweise erst deutlich später auszahlt als bei Auszubildenden ohne Defizite. Entsprechend müssen Unternehmen umdenken. Das fängt beim Recruiting und der Potenzialanalyse an, geht über eine deutlich intensivere Lernbegleitung und hört bei der Unterstützung im privaten Umfeld auf.

Die Ausbildung für Studienabbrecher attraktiver machen

Nicht alle, die ein Studium aufnehmen, sind mit ihrer Entscheidung zufrieden. Die Zahl der Studienabbrecher ist hoch. Viele starten mit falschen Vorstellungen in ihr Studium, um relativ schnell enttäuscht aufzugeben. Man kann das beklagen, muss man aber nicht: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Entscheidender ist die Frage, wie man mit dieser Gruppe umgeht. Lässt man sie sich weiterhin an der Universität oder an der Fachhochschule versuchen oder spricht man sie aktiv für eine duale Berufsausbildung mit anschließender Möglichkeit der Weiterqualifizierung an? Wenn ja, mit welchen Argumenten und unter welchen Rahmenbedingungen? Hier gilt es, attraktive Angebote zu machen, die die Abbrecher für einen Ausbildungsberuf überzeugen.

Mehr Geflüchtete und Migranten in die Ausbildung bringen

Auch ein anderer Umstand birgt Chancen, die in der Öffentlichkeit nur bedingt wahrgenommen werden. Abseits aller politischen Debatten bleibt festzustellen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und bleiben wird. Es sind vor allem junge Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen und aus sehr unterschiedlichen Ecken dieser Welt zu uns kommen. Sie zu integrieren, ist eine der wesentlichen gesellschaftlichen Aufgaben, vor denen wir stehen. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist dabei einer DER Schlüssel zum Erfolg. Die Politik hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Erleichterungen an den Start gebracht, auch wenn die Rahmenbedingungen bis heute noch nicht optimal sind. 

Die größte Herausforderung aber liegt aufseiten der Ausbildungsbetriebe. Vor allem die sprachlichen Hürden sind hoch. Hier übernehmen engagierte Betriebe häufig die Weiterbildung ihrer Auszubildenden, mit entsprechendem Aufwand. Dass sich dieser lohnen kann, zeigen die vielen positiven Integrationsbeispiele der letzten Jahre. Aber, ohne Frage, hier geht der Betrieb zunächst in Vorleistung mit offenem Ausgang.

Jedes Unternehmen ist individuell gefragt

Ganz hilflos also sind die Betriebe der Entwicklung bei entsprechendem Invest nicht ausgeliefert. Gehalt, Zusatzleistungen, Unternehmens- und Arbeitsklima wie auch die inhaltliche Ausgestaltung der Ausbildung und die Unterstützung in dieser Zeit sind Faktoren, die mit darüber entscheiden, ob ein Unternehmen junge Menschen für die Ausbildung gewinnen kann. Nur auf die Politik zu setzen, wäre fahrlässig. Die Möglichkeiten für diese sind vorhanden, beispielsweise bei der Ausstattung der Berufsschulen, aber dennoch begrenzt, wenn wir ganz ehrlich sind. ●

Ein Beitrag von Christian Lorenz, Leiter Hauptstadtbüro der DGFP e. V.

Fortschrittliche Personalentwicklung ist heute Teil eines erfolgreichen Unternehmens. Mit unseren Netzwerkveranstaltungen und Bildungsangeboten zum Thema bleiben Sie stets über neue Trends und Entwicklungen informiert. Mehr dazu hier.

Auf Facebook teilen Auf Twitter teilen Auf Xing teilen RSS-Feed abonnieren E-Mail Telefon