"Diese Menschen sind gekommen, um bei uns zu bleiben."

Katharina Heuer, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP), sieht durch den Zuzug Geflüchteter enorme Chancen für den Arbeitsmarkt in Deutschland.

Das Bildungsniveau der Geflüchteten, ihr Alter und ihr Wille, sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen, stimmen sie bei allen Herausforderungen zuversichtlich. Dies sagte sie im Interview mit der Zeitschrift Personalführung im Oktober. Sie beobachte aufseiten der Wirtschaft und der Verbände eine chancenorientierte Diskussion, keine Abwehrhaltung.

Klar sei aber auch, dass die Wirtschaft diese Integrationsleistung nicht allein vollbringen kann. Politik, Gesellschaft und Unternehmen seien im gleichen Maße gefordert. An die eigene Profession, das HR-Management, gerichtet, riet sie zu einem Stück mehr Pragmatismus. Nicht überall und in jedem Beruf beispielsweise ist die deutsche Sprache absolut unumgänglich.

Heuer verwies in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf die verschiedenen  Maßnahmen, die die DGFP im Zusammenhang mit der Integration der zu uns kommenden Menschen in den Arbeitsmarkt und die Unternehmen plant.

Katharina Heuer im Interview mit dem DGFP-Mitgliedermagazin "Personalführung"

Die Bilder der Tausenden von Flüchtlingen in Europa sind allgegenwärtig. Aktuell rechnet die Bundesregierung mit bis zu einer Million Menschen, die in diesem Jahr aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und anderen Ländern nach Deutschland flüchten. Frau Heuer, was denken Sie als Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung, wenn Sie die Bilder der Menschen sehen, die in so großer Zahl nach Deutschland kommen?

Ich habe großen Respekt vor diesen Menschen, die sich in ihrer Heimat unter zum Teil lebensgefährlichen Bedingungen auf den Weg gemacht haben, dem Krieg und dem Elend zu entkommen, um in Europa nach Sicherheit für Leib und Leben zu suchen. Ich glaube, dass wir uns in unserer Generation in der Mitte Europas gar nicht mehr vorstellen können, was es bedeutet, einen solchen Schritt zu machen. Gleichzeitig sehe ich natürlich auch die Herausforderungen, die damit auf unser Land zukommen.

Die da wären?

Deutschland und seine europäischen Nachbarn stehen zunächst einmal vor der ganz praktischen Aufgabe, die Tausenden von Flüchtlingen, die täglich in unser Land kommen, aufzunehmen und zu versorgen. Das ist eine Frage von Geld, von Helfern und natürlich auch von Logistik. Aber wir stehen auch vor der Herausforderung, zumindest einen Teil dieser Menschen langfristig in unsere Gesellschaft zu integrieren und ihnen in Deutschland eine Perspektive zu bieten. Das ist die bei Weitem größere Aufgabe. Dazu gehört auch, die Menschen in Arbeit zu bringen. Eine Aufgabe, die vor allem auf die Wirtschaft zukommt.

Ist die deutsche Wirtschaft überhaupt in der Lage, für so viele Menschen Arbeit zu schaffen?

Sicher nicht alleine, der Staat muss unterstützen, denn diese Aufgabe ist unglaublich groß. Aber die Wirtschaft kann einen wesentlichen Teil dazu beitragen, dass dieser Integrationsprozess gelingt. Ich glaube auch nicht, dass es Sinn macht, darüber zu diskutieren, ob wir diese Aufgabe bewältigen können. Wir haben sie, sie lässt sich kaum wegdiskutieren. Und der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass diese Situation heute – trotz der dramatischen Bilder – ja nicht beispiellos ist.

Sie sprechen es an: Bereits früher sind Menschen nach Deutschland gekommen, um hier zu leben und zu arbeiten. Wie aber unterscheidet sich diese Situation von der in der Vergangenheit?

Auch in der Vergangenheit haben wir immer wieder eine große Zahl von Menschen in den Arbeitsmarkt und damit in unser Land integriert – mit unterschiedlichem Erfolg. Denken Sie an die Flüchtlinge aus dem Osten direkt nach dem Krieg. Bis zum Bau der Mauer kamen in den 1950er-Jahren viele gut ausgebildete Facharbeiter aus der DDR nach Westdeutschland. Ihre Integration lief geräuschlos. Sie wurden gebraucht, das Qualifikationsniveau war hoch, die Sprache und Kultur natürlich kein Problem.

Anders stellte sich die Situation in den 1960er- und 1970er-Jahren dar. Die sogenannten Gastarbeiter aus Süd- und Südosteuropa waren schlecht ausgebildet und beherrschten die deutsche Sprache zumeist gar nicht. Gedanken über die Integration machte man sich nicht, ging man doch davon aus, dass die Gäste das Land wieder verlassen würden. Eine enorme Fehleinschätzung, die ursächlich ist für viele unserer Probleme heute…  

...ein Fehler, der sich zu wiederholen droht?

Nein, das glaube ich nicht. Und das ist auch der Unterschied. Ich glaube, dass wir heute klüger sind als noch vor dreißig, vierzig Jahren. Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Die Menschen, die jetzt zu uns kommen, haben nicht ihr gesamtes Hab und Gut zurückgelassen, um nach zwei Jahren wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren. Diese Menschen sind gekommen, um bei uns zu bleiben. Das muss leitend sein für unser Handeln in den nächsten Monaten und Jahren. Und ich denke, dass es das auch ist.  

Sie sprachen vorhin davon, dass die deutsche Wirtschaft die Aufgabe der Integration in den Arbeitsmarkt nicht alleine stemmen kann. Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang vom Bund, den Ländern und Kommunen?

Ich tue mich immer schwer mit dem Ruf nach dem Staat. Ich glaube aber, dass diese Aufgabe so groß ist, dass es ohne den Staat an dieser Stelle tatsächlich nicht geht. Im Wesentlichen erwarte ich drei Dinge. Erstens: Das Beherrschen der deutschen Sprache ist wesentlich für die Aufnahme einer Beschäftigung, unabhängig vom Qualifikationsniveau. Der Staat muss hier unbürokratisch und umfassend für eine ausreichende Anzahl an qualifizierten Sprachkursen sorgen.

Zweitens: Viele der Flüchtlinge kommen mit einem guten Qualifikationsniveau in unser Land. Um dieses Qualifikationsniveau zu bestimmen und eventuell Berufsabschlüsse anzuerkennen, brauchen wir die Unterstützung des Bundes und der Länder. Mit dem neuen Berufsanerkennungsgesetz hat die damalige Bundesregierung Ende 2011 einen richtigen Schritt nach vorne gemacht.

Drittens, und das ist vielleicht sogar das Wichtigste: Wir brauchen auch eine Form von Sicherheit. Wenn wir damit beginnen, fehlende sprachliche und fachliche Qualifikationen nachzuschulen und in die Ausbildung dieser Menschen zu investieren, müssen wir uns darauf verlassen können, dass diese Menschen auch bei uns bleiben können. Die Entscheidung über den Aufenthaltsstatus muss also schnell erfolgen.  

Welche Chancen sehen Sie für den Arbeitsmarkt?

Wenn ich mir das Qualifikationsniveau anschaue, das viele der Menschen mitbringen, sehe ich große Chancen. Aus Syrien und dem Irak kommen vor allem junge Menschen zu uns, die arbeiten können und wollen. Rund 80 Prozent sind nicht älter als 35 Jahre. Hinzu kommt, dass Syrien beispielsweise vor dem Beginn des Bürgerkriegs kein Entwicklungsland gewesen ist.

Das Schulwesen und die berufliche Bildung haben durchaus funktioniert, wenn auch nicht auf unserem Niveau. Ein Teil der Menschen hat einen Beruf erlernt oder ist zur Universität gegangen. Darauf können wir jetzt aufbauen. Natürlich, und auch das muss uns klar sein, gilt dies nicht für alle.

Was müssen die Unternehmen leisten, um die Chancen, die sich bieten, auch tatsächlich zu nutzen?

Ich beobachte aufseiten der Wirtschaft und der Verbände eine chancenorientierte Diskussion. Das empfinde ich sehr positiv. Ich sehe aber auch, dass zahlreiche unserer Mitgliedsunternehmen schon sehr aktiv sind. Ich bin stolz auf die Willkommenskultur und all die Hilfeleistungen von Ehrenamtlichen und Unternehmen. Als Personalmanagement sind wir besonders gefordert, den Integrationsprozess aktiv zu begleiten und bereits jetzt proaktiv zu gestalten.

Dazu gehört aber auf der einen Seite auch, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihren ehrenamtlichen Aktivitäten zu unterstützen, zum Beispiel durch zeitweise Freistellung oder Ähnliches. Auf der anderen Seite müssen wir pragmatische Lösungen entwickeln, Flüchtlinge in Ausbildung oder in Beschäftigung zu bringen. Zum Beispiel müssen wir unsere Anforderungen hinsichtlich der fachlichen oder sprachlichen Qualifikationen überdenken.

Nicht überall und in jedem Beruf ist die deutsche Sprache absolut unumgänglich. Zu diesem Pragmatismus gehört auch eine größere Sensibilität für das, was diese Menschen an Kenntnissen und Fähigkeiten mitbringen, auch wenn sie dies auf dem Papier nicht immer nachweisen können.  

Plant die DGFP konkrete Aktionen?

Ja, wir wollen unsere Mitglieder bei der Integration konkret unterstützen: Bereits im Oktober planen wir den ersten Austausch zwischen Unternehmensvertretern und Vertretern der Bundesagentur für Arbeit zu dem Thema. Weitere Veranstaltungen werden in den kommenden Monaten folgen.

Frank-Jürgen Weise, Präsident der Bundesagentur für Arbeit und Mitglied im Vorstand der DGFP, übernimmt zusätzlich das Amt des Präsidenten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Der Bundesinnenminister sprach von dem schwierigsten Posten, den es derzeit in Deutschland zu besetzen gibt.

Ich kenne Frank-Jürgen Weise aus der Zusammenarbeit mit dem Vorstand sehr gut. Ich glaube, dass es kaum einen besseren als ihn für diesen Posten gibt. Als er das Amt des Präsidenten der Bundesagentur für Arbeit übernommen hat, war das Arbeitsamt, wie es damals noch hieß, eine schwerfällige Behörde, die vor allem sich selbst verwaltet hat. Frank-Jürgen Weise hat es geschafft, diesen Tanker zu drehen und in eine moderne, kundenorientierte Dienstleistungsagentur zu verwandeln. Gleiches traue ich ihm mit Blick auf das BAMF zu. Die Aufgabe aber ist, und da hat der Bundesinnenminister recht, eine große Herausforderung. Ich wünsche ihm und uns viel Erfolg!

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