Wie elitäre Teams geführt werden

Beobachtung und Imitation sind wichtige Quellen für Führungswissen. Das Vorbild muss nicht real sein – auch von Figuren aus TV-Serien kann man sich etwas abgucken. Etwa von der Strafrechtsprofessorin Annalise Keating, die in „How to Get Away with Murder“ ihre besten Studierenden zu einer Art Elitetruppe vereint.

„How to Get Away with Murder“ ist eine preisgekrönte Thrillerserie, die für den US-Sender ABC produziert wurde. Im Mittelpunkt steht die brillante Strafrechtsprofessorin Annalise Keating, verkörpert von Viola Davis, der ersten afroamerikanischen Schauspielerin, die einen Emmy als beste Hauptdarstellerin gewann. Annalise lehrt Jura an einer Eliteuniversität und wählt jedes Jahr eine kleine Gruppe von Studierenden aus, die sie bei realen Strafprozessen unterstützen dürfen. Was als Karrieresprungbrett beginnt, entwickelt sich bald zu einem Geflecht aus Lügen, Loyalitätskonflikten und moralischen Abgründen, denn Annalise und ihre „Keating Five“ geraten selbst in eine Kette von Mordfällen.

 Annalise Keating ist eine Führungsfigur, die zugleich fasziniert und verstört. Sie ist nicht einfach nur Professorin oder Anwältin – sie ist eine Naturgewalt: charismatisch, kontrollierend, verletzlich und brillant zugleich. Ihre Führungsrolle gegenüber den „Keating Five“ ist geprägt von extremer Loyalität, hohen Erwartungen und einem massiven Kontrollbedürfnis. Ihre Intentionen sind selten schlecht, meistens will sie andere schützen. Doch dieser Schutz führt oft ins Verderben, denn er ist nur durch das Überschreiten moralischer Grenzen möglich. Und genau davon können wir lernen – vor allem von ihrem Scheitern.

Leadership Lesson #1
Du kannst nicht alle beschützen.

Annalise nimmt im Verlauf der Serie viel Schuld auf sich. Sie schützt ihr Team vor Konsequenzen und trägt diese Last bis zur Selbstzerstörung. Damit sendet sie ein klares, aber problematisches Signal: Ich bin die Einzige, die euch retten kann. Das schafft Bindung und Abhängigkeit und nährt zugleich den Narzissmus der Führungskraft. Doch das Team lernt nicht, Verantwortung zu übernehmen. Ein Mindestmaß an Schutz gehört zur Führungsrolle, aber es gibt klare Grenzen. Wer nie selbst Verantwortung trägt, kann auch nicht selbstständig handeln. Fehler zu machen – und zu scheitern –, ist Teil beruflicher Reife. Gute Führung bedeutet nicht, die Verantwortung für andere zu übernehmen, sondern Räume für Entwicklung zu öffnen.

Leadership Lesson #2
Charismatische Führung zieht Menschen an und bindet sie.

Annalise betritt den Raum, und alles richtet sich aus. Sprache, Stimme und Haltung wirken wie ein Magnet. Für ihre Studierenden ist sie Projektionsfläche: Stärke, Erfolg, Exzellenz, Macht und zugleich eine fast mütterliche Autorität. Sie wirkt furchtlos, geht in Krisen voran und findet immer einen Weg. Dass sie ihr Team selbst auswählt, macht die Zugehörigkeit exklusiv – und schwer aufzugeben. Führungskräfte können hier zweierlei lernen. Erstens: Wie schon Erving Goffman sagte: „Wir alle spielen Theater.“ Inszenierung gehört zur Führungsrolle und darf auch bewusst eingesetzt werden. Zweitens: Wird Charisma jedoch zur Fassade, erschwert das echte und ehrliche Zusammenarbeit.

Leadership Lesson #3
Du bist Vorbild – ob du willst oder nicht.

Viele der „Keating Five“ folgen Annalise, weil sie so sein wollen wie sie. Sie wollen ihr gefallen und eifern ihr nach. Auch sie beginnen, zu lügen, Morde zu vertuschen oder sogar zu begehen. Glücklicherweise geht es in den meisten Organisationen nicht um Leben und Tod. Doch auch hier gilt: Führung färbt ab. Niemand muss perfekt sein, aber sich bewusst zu machen, dass das eigene Verhalten Wirkung hat, gehört zur Führungsarbeit. Wie gehe ich mit Niederlagen um? Was lernen andere von meinem Umgang mit Fehlern? Das eigene Verhalten zu reflektieren und weiterzuentwickeln, ist ein zentrales Lernfeld jeder Führungskraft.

Leadership Lesson #4
Auch Führungskräften kann es schlecht gehen.

Im Laufe der Serie wird klar: Annalise ist krank, mehrfach traumatisiert, süchtig. Trotz Erfolgen, Glamour und souveränem Auftreten geht es ihr schlecht. Wahre Führungsstärke würde bedeuten, sich das einzugestehen und sich selbst zu priorisieren. Paradoxerweise ist es genau das Trauma, das Annalise auch stark macht. Doch dadurch wird es umso schwerer, ihre destruktiven Muster zu durchbrechen. Echte Führungsarbeit beginnt bei einem selbst. Viele merken erst spät, wie wichtig Selbstfürsorge ist: Burnouts, Therapien, Schweigeretreats und Sabbaticals nehmen mit steigenden Jahren Führungserfahrung zu. Doch es braucht nicht das Drama. Wer Selbstführung früh ernst nimmt, bleibt langfristig wirksam.

Leadership Lesson #5
Umgib dich mit Menschen, die dir widersprechen.

Annalise ist von Menschen umgeben, die ihr fast kritik- und bedingungslos folgen, und das ist ein Fehler. Führungskräfte brauchen Menschen, die sie herausfordern, auch wenn das unbequem ist. Es sind diese berühmten „Jasager“, die wir alle nicht wollen, aber wenn wir ehrlich sind, ist das häufig eine Floskel. Menschen auszuhalten, die einen kritisieren, ist hart. Es bedeutet, sich permanent mit der eigenen Fehlbarkeit zu konfrontieren. Doch genau das macht uns besser und unsere Entscheidungen klüger. Charismatische Führung kann sehr erfolgreich sein, doch sie ist oft auch ein Spiel mit der Fassade. Und wer ehrlich führen will, muss den Vorhang manchmal lüften, um den Widerspruch hineinzulassen.

Charisma in der Führung kann enorme Kräfte freisetzen. Menschen folgen, engagieren sich, bleiben loyal. In Deutschland begegnet man diesem Führungsstil eher selten. Zu groß ist das historische Misstrauen, zu präsent die negativen Assoziationen. Doch Charisma muss nicht mit Narzissmus oder Allmachtsansprüchen einhergehen. In Kombination mit Selbstreflexion und dem Mut zur Fehlbarkeit kann charismatische Führung durchaus wirksam sein – ganz ohne Leichen im Keller.

Johanna Voigt, Corporate-Learning-Beraterin und Führungskräfteentwicklerin bei HRpepper, Berlin