7 Fragen in 7 Minuten #24 – Ausbildung im Aufbruch
Christoph Kunz, Ausbildungsleiter, Siemens Energy AG
Siemens Energy beschäftigt weltweit rund 100.000 Mitarbeitende in über 90 Ländern und steht wie kaum ein anderes Unternehmen für industrielle Transformation. Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften ist hoch; gleichzeitig stoßen klassische Ausbildungsmodelle zunehmend an ihre Grenzen.
Christoph Kunz ist bei Siemens Energy weltweit für Ausbildungs- und Lernkonzepte verantwortlich. Er kennt Ausbildung nicht nur aus strategischer Perspektive, sondern aus eigener Erfahrung: als Auszubildender, später als Ausbilder schaffte er es schließlich über genau diesen Bildungsweg bis nach St. Gallen, Harvard und an die Boston University.
In unserem Format „7 Fragen in 7 Minuten“ erläutert er, warum ein zeitgemäßes Ausbildungskonzept vor allem eine neue Denkweise auf Seiten der AusbilderInnen erfordert.
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1. Lieber Christoph, bei deinem Case auf der Jahrestagung Berufsausbildung geht es um „Ausbildung im Aufbruch“ bei Siemens Energy. Was war der konkrete Auslöser, eure Ausbildungsstrategie neu zu denken?
Christoph: Vor rund drei Jahren haben uns mehrere Ausbildende unabhängig voneinander berichtet, dass die Auszubildenden ihre Kompetenzen nicht mehr so aufbauen wie früher.
Wir haben das sehr ernst genommen und gemeinsam mit WissenschaftlerInnen und Verbänden analysiert. Dabei haben wir festgestellt: Die Generation Z hat völlig andere Bedarfe in der Wissensvermittlung als vorherige Generationen. Im Wesentlichen konnten wir das auf drei Ursachen zurückführen: das Aufwachsen in einer digitalisierten Welt, eine veränderte Erziehung und ein Schulsystem, das die Verzahnung mit der Wirtschaft nicht mehr gut hinbekommt. Darauf mussten wir reagieren.
“Die Generation Z hat völlig andere Bedarfe in der Wissensvermittlung als vorherige Generationen. Darauf mussten wir reagieren.”
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2. Lass uns daran mal anknüpfen: Welches Vorurteil über die Generation Z hat sich in deiner Praxis als überraschend wahr entpuppt und welches hast du begraben?
Christoph: Ich würde gern mit ein paar Klischees aufräumen: Vier-Tage-Woche, Demotivation, Langeweile sehe ich so nicht.
Was sich allerdings bestätigt, ist das Thema Entscheidungsfindung. FOMO oder FOBO, also die Angst, etwas zu verpassen oder eine bessere Option zu übersehen. Das erleben wir schon. Auch, weil viele Entscheidungen lange von den Eltern getroffen werden.
“Vier-Tage-Woche, Demotivation, Langeweile sehe ich nicht als Klischee. Was sich allerdings bestätigt, ist das Thema Entscheidungsfindung.”
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Gleichzeitig haben sie uns etwas voraus: Sie stellen stärker die Sinnfrage. Das ist durchaus ein Gewinn und macht uns als Unternehmen besser. Und ehrlich gesagt ist das eine deutlich gesündere Haltung als blinder Gehorsam.
3. Was unterscheidet euren Ansatz heute von klassischen Ausbildungsformaten und welches Thema denkt ihr nach euren Erkenntnissen anders als früher?
Christoph: SEED definiert Ausbildung vom ersten bis zum letzten Tag neu. Der größte Unterschied ist die konsequente Ausrichtung auf die Generation Z und zunehmend auch auf die Generation Alpha.
Drei Punkte sind zentral: Projektorientierung, Kommunikation auf Augenhöhe und eine angepasste Pädagogik.
Projektorientierung heißt, dass sich Auszubildende ihre Projekte selbst aussuchen. Kommunikation auf Augenhöhe heißt, dass es bei uns keine unterschiedlichen Augenhöhen gibt. Und Pädagogik heißt, mit explorativen und erlebnisorientierten Methoden zu arbeiten.
“Drei Punkte sind zentral: Projektorientierung, Kommunikation auf Augenhöhe und eine angepasste Pädagogik.”
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Ein Beispiel: In Erlangen haben Auszubildende ein Arcade-Spiel selbst programmiert und den Automaten gebaut. Wenn junge Menschen an Projekten arbeiten, mit denen sie sich identifizieren, entsteht echtes Lernen.
4. So ein Neuanfang erfordert natürlich auch einen Kulturwandel auf Seiten der Ausbilder: Was war die größte Herausforderung bei der Implementierung eures neuen Programms?
Christoph: Ganz klar: nicht die Konzeption, sondern die Umsetzung.
Die Ausbildenden wirklich mitzunehmen, sie von der Notwendigkeit einer neuen Haltung zu überzeugen und sie zu hundert Prozent für das Programm zu begeistern, das war die eigentliche Herausforderung.
“Die Ausbildenden wirklich mitzunehmen, sie von der Notwendigkeit einer neuen Haltung zu überzeugen und sie zu hundert Prozent für das Programm zu begeistern, das war die eigentliche Herausforderung.”
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Dafür haben wir rund eineinhalb Jahre gezielt in Vertrauenskultur und Leadership investiert. Purpose-driven, wertebasiert, mit viel Fokus auf Emotionalität. Fast das gesamte Team ist diesen Weg mitgegangen; eine Fluktuation von ein bis zwei Prozent mussten wir hinnehmen.
5. Wenn du heute selbst noch einmal bei Siemens Energy anfangen würdest: Womit würdest du dich schwerer tun, mit den Inhalten oder mit den Erwartungen?
Christoph: Mit den Inhalten. Erwartungen kann man formulieren. Gute Inhalte wirklich umzusetzen, das ist die eigentliche Herausforderung.
6. Auf persönlicher Ebene: Wie schafft man es ohne Abitur an die Boston University und nach Harvard?
Christoph: Mein Türöffner war die Ausbildung. Nach der Realschule bin ich in die Ausbildung gegangen und wollte eigentlich sofort selbst Ausbilder werden. Mit 20 habe ich das geschafft.
“Mein Türöffner war die Ausbildung.”
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Dann habe ich gemerkt, dass mir kaufmännisches Wissen fehlt, also habe ich mich informiert und festgestellt: Mit einer abgeschlossenen Ausbildung kann man einen Bachelor machen. Danach wurde mir klar, wie wichtig Leadership ist. So ging es weiter nach St. Gallen, später nach Harvard und Boston.
Rückblickend habe ich immer gemerkt, wo mir Wissen fehlt. Und ich hatte den Hunger, mir genau dieses Wissen zu holen. Wobei: Das Lernen geht immer weiter (lacht).
“Danach wurde mir klar, wie wichtig Leadership ist.”
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7. Was wissen nur wenige über dich?
Christoph: Ich habe drei Jahre in einer Mannschaft mit Dirk Nowitzki Basketball gespielt. Basketball hat mich stark geprägt, vor allem der Teamgedanke.
Meine engsten Freunde kommen heute tatsächlich aus meinem Team. Manche mögen das traurig finden, mich erfüllt das mit großem Stolz.
Das Interview führte Dr. Elias Güthlein.