„I’m Donna and I’m awesome“
Was wir von Donna Paulsen über Upward Leading lernen können
Fiktive Figuren aus TV-Serien, Filmen oder Romanen bieten hervorragendes Anschauungsmaterial, um über Führung zu reflektieren. Ein Beispiel ist Donna Paulsen, die allmächtige Assistentin aus „Suits“.
In der Anwaltsserie „Suits“, die in neun Staffeln bis 2019 lief, geht es um Macht, Deals und ein außergewöhnliches Duo aus dem brillanten Anwalt Harvey Specter und dem hochintelligenten Hochstapler Mike Ross. Doch es geht auch um Donna. Anfangs offiziell Harveys Assistentin, ist Donna inoffiziell doch viel mehr. Sie ist ein Paradebeispiel für Upward Leading, denn sie organisiert nicht nur Termine – sie liest Menschen, antizipiert Konflikte und beeinflusst Entscheidungen. Damit steht sie stellvertretend für zahlreiche Asisstent*innen, Sekretär*innen und Referent*innen, die Führung ohne echte Sichtbarkeit doch maßgeblich mitgestalten. Nun ist es an der Zeit, diese Führungsarbeit ins Rampenlicht zu rücken.
Führen ohne Titel
Führung verläuft nicht nur von oben nach unten. In modernen Organisationen entsteht Einfluss in alle Richtungen, auch von unten nach oben. Upward Leading beschreibt genau dieses Phänomen: Mitarbeitende gestalten aktiv Entscheidungen ihrer Führungskräfte mit. Sie geben Orientierung, gleichen Schwächen aus und sorgen dafür, dass Führung überhaupt wirksam werden kann. Die Forschung spricht hier von „Upward Influence“ oder „Managing up“. Führung ist ein dyadischer Austauschprozess, und Mitarbeitende können lernen, wirksam zu führen auch ohne legitimierte Macht. Oder praxisnah formuliert: Gute Führungskräfte sind selten allein gut. Sie werden gut gemacht. Und Donna Paulsen ist so eine „Mitgestalterin von Führung“.
Leadership Lesson #1
Verstehe, was andere nicht sehen.
Donnas Chef, Harvey Specter, mag brillant sein, aber er übersieht regelmäßig zwischenmenschliche Dynamiken. Donna nicht. In mehreren Fällen erkennt sie früh, wenn Mandant*innen oder Gegner*innen emotional reagieren werden, lange bevor Harvey es sieht. Sie warnt ihn, gibt Hinweise oder stellt die entscheidende Frage, die seine Strategie verändert. Sie versteht nicht nur den Fall, sondern den Menschen und das System dahinter. Upward Leading beginnt dort, wo du Dinge siehst, die deine Führungskraft nicht sieht, und den Mut hast, sie einzubringen.
Leadership Lesson #2
Sag die Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist.
Donna ist eine der wenigen Personen, die Harvey offen widersprechen. Und das regelmäßig. Immer wieder konfrontiert sie ihn mit seinem Ego – etwa wenn er Fälle aus Prinzip annimmt oder persönliche Konflikte über professionelle Entscheidungen stellt. Sie sagt ihm klar, wenn er sich selbst im Weg steht. Aber sie tut das nicht belehrend, sondern auf Augenhöhe, oft mit einem Mix aus Klarheit, Timing und einem Hauch Humor. Upward Leading heißt nicht, es allen recht zu machen, sondern die Dinge auszusprechen, die gesagt werden müssen, und zwar so, dass sie auch gehört werden können.
Leadership Lesson #3
Beeinflusse durch Vertrauen.
Donna kennt Harvey besser als jeder andere. Und genau deshalb hört er auf sie. Dieses Vertrauen entsteht nicht durch einzelne große Momente, sondern durch konstante Verlässlichkeit. Donna liefert. Sie hält dicht. Sie denkt mit. Ein wiederkehrendes Motiv in der Serie: Harvey trifft Entscheidungen, weil Donna ihm ein knappes „Trust me“ gibt, und das reicht. Einfluss nach oben ist kein einmaliger Akt. Er ist das Ergebnis von Vertrauen, das über Zeit aufgebaut wird. Es zeigt auch: Führung nach oben funktioniert dann am besten, wenn sie auch angenommen wird und eine wirksame Führungsdynamik entstehen kann. Indem Harvey auf Donna hört, gibt er im Sinne des Empowerments auch immer wieder ein Stück Macht an sie ab.
Leadership Lesson #4
Nutze Netzwerke als Führungsinstrument.
Donna führt nicht nur Harvey, sie wirkt in die gesamte Kanzlei hinein. Sie kennt jede relevante Person, versteht informelle Machtstrukturen und weiß genau, wer mit wem kann und wer nicht. Wenn Informationen fehlen, beschafft sie sie. Wenn Konflikte drohen, interveniert sie frühzeitig. Donna orchestriert zum Beispiel immer wieder Gespräche zwischen Personen, die offiziell nichts miteinander zu tun haben sollten, und schafft so Lösungen, bevor Probleme eskalieren. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der informellen Kommunikation. Alle wissen: Wenn man in der Kanzlei etwas wirklich wissen will, fragt man Donna. Führung entsteht oft nicht in Meetings, sondern in Netzwerken. Wer diese versteht und aktiv gestaltet, führt ganz unabhängig vom Titel. Aus der Netzwerktheorie wissen wir, dass diejenigen Macht haben, die ein besonders großes Netzwerk aufbauen sowie Knotenpunkte und Informationsflüsse kontrollieren. Donna pflegt diese Macht par excellence.
Leadership Lesson #5
Überschreite deine Rolle – aber bewusst.
Donna bleibt nicht in der klassischen Assistenzrolle stehen. Sie fordert mehr Verantwortung ein und entwickelt sich weiter. Ein zentraler Moment: Sie spricht offen an, dass ihr Beitrag über das hinausgeht, was ihre Rolle abbildet, und fordert eine entsprechende Position ein. Ein Schritt, der nicht nur mutig ist, sondern auch zeigt, dass es durchaus gelingen kann, sich aus der Upward-Leading-Rolle heraus in eine formale Führungsposition zu entwickeln. Wer dauerhaft Führung übernimmt ohne formale Anerkennung, läuft Gefahr, unsichtbar zu bleiben, und zumindest Donna wollte das nicht. Bewusstes Upward Leading kann also durchaus die Karriereentwicklung beeinflussen.
Donna Paulsen zeigt, dass Führung nicht an Hierarchien gebunden ist. Sie führt, ohne formale Macht und macht damit andere überhaupt erst richtig wirksam. In einer Arbeitswelt, die immer komplexer wird, reicht es nicht mehr, Führung nur „oben“ zu verorten. Sie entsteht im Zusammenspiel, und diese Komplexität des Systems müssen wir berücksichtigen, um Führung wirklich ganzheitlich zu verstehen. Denn: Vielleicht ist die wichtigste Führungskraft im Raum diejenige, die offiziell gar keine ist.
Johanna Voigt, Corporate-Learning-Beraterin und Führungskräfteentwicklerin bei HRpepper, Berlin
Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der PERSONALFÜHRUNG Ausgabe 05/2026.