Zwischen Regulierung und Realität: HR sucht den Weg in die Zukunft

DGFP Frühjahrsempfang 2026

Beim DGFP-Frühjahrsempfang in Berlin traf sich gestern die HR-Community zum Austausch mit Politik und Wissenschaft. Im Mittelpunkt standen Regulierung und der Umgang mit Transformation. Tenor des Abends: Der Reformbedarf hierzulande ist groß und HR muss eine wichtige Rolle als Gestalter spielen.

HR trifft Politik

Die Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP) lud zum dritten Mal zum Frühjahrsempfang in die Berliner Räumlichkeiten der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Das Motto war Programm: „HR trifft Politik: Zwischen Regulierung und Realität – Die Zukunft der Arbeit gestalten.“ Rund 100 geladene Gäste aus Unternehmen, Verbänden, Wissenschaft und Politik kamen zusammen, um über die drängenden Fragen der Arbeitswelt zu sprechen. Sachlich, direkt, kontrovers.

Moderatorin Dr. Bettina Munimus, Projektleiterin Beschäftigungsbedingungen bei der Deutschen Bahn AG, eröffnete das Panel mit einer klaren Ansage: „Über die Notwendigkeit von Reformen besteht Einigkeit. Aber nicht darüber, wie sie konkret ausgestaltet werden sollen.“ Die Diskussion traf damit den Kern der aktuellen Lage. Deutschland stehe wirtschaftlich unter Druck, so Munimus, teils werde von der „längsten Schwächephase seit Gründung der Bundesrepublik“ gesprochen.

Für Julia Bangerth, DGFP-Vorstandsvorsitzende und stellvertretende Vorstandsvorsitzende, COO & CHRO bei der DATEV eG, ist vor allem eines spürbar: fehlende Zuversicht. Unternehmen und Beschäftigte würden mit immer neuen Anforderungen konfrontiert: von globalen Krisen bis zu wachsender Regulierung. „HR agiert deshalb noch zu oft als Brandlöscher statt als Architekt der Zukunft“, beklagte sie. Gerade mit Blick auf KI müsse sich das ändern.

Auch aus politischer Sicht wird die Stimmung als angespannt beschrieben. Marc Biadacz, Sprecher der Arbeitsgruppe „Arbeit und Soziales“ der CDU-Bundestagsfraktion, sprach offen von Verunsicherung: „Die Menschen haben Angst.“ Gleichzeitig sei die Lage strukturell anders als in früheren Krisen. Es gehe weniger um kurzfristige Schocks, sondern um langfristige Veränderungen. Politik müsse daher „eine Geschichte erzählen, warum Reformen notwendig sind“.

“HR agiert deshalb noch zu oft als Brandlöscher statt als Architekt der Zukunft”

-Julia Bangerth

Eine Einordnung der Lage lieferte Prof. Dr. Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter IAB und Lehrstuhlinhaber an der Universität Regensburg. Er beschrieb die Situation als „Erneuerungskrise“: keine tiefe Rezession, aber zu wenig Dynamik, zu wenig neue Jobs, zu wenig Investitionen. Das erkläre auch das scheinbare Paradox von steigender Arbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Fachkräftemangel. „Es gibt sehr viele hervorragend qualifizierte Kräfte, doch die bleiben leider in Jobs verhaftet, in denen wenig Wachstum passiert.“ So trifft dann Arbeitslosigkeit auf Fachkräftemangel. „Doch aus dieser Gemengelage kann man etwas machen“, betonte Weber. Stichwort: Reskilling.

Diskussionen über aktuelle Reformen

Konkret wurde die Runde beim Thema EU-Entgelttransparenzrichtlinie. Das Ziel – mehr Lohngerechtigkeit und die Verringerung des Gender Pay Gaps – war im Panel unbestritten. Die praktische Umsetzung hingegen schon. Bangerth schilderte, mit welcher Bürokratie, unklaren Definitionen und rechtlichen Unsicherheiten sich Unternehmen konfrontiert sehen. Und das, obwohl eine nationale Gesetzgebung noch ausstehe: Weil die EU-Vorgaben unmittelbar wirken, müssten sich Personalabteilungen bereits jetzt damit auseinandersetzen. Aus HR-Sicht bestehe daher dringender Bedarf an klaren, praktikablen Regelungen.

“Wir befinden uns in einer "Erneuerungskrise." Es gibt sehr viele hervorragend qualifizierte Kräfte, doch die bleiben leider in Jobs verhaftet, in denen wenig Wachstum passiert.”

-Prof. Dr. Enzo Weber

Auch Arbeitszeit und Krankenstand beschäftigten die Runde. Während politisch mehr Flexibilität gefordert wird (etwa durch eine stärkere Orientierung an Wochenarbeitszeiten statt täglichen Höchstgrenzen), mahnte Weber, Arbeitsschutz und Erholungszeiten nicht zu vernachlässigen: Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten, dass zu lange Arbeitszeiten gesundheitliche Risiken bergen und die Leistungsfähigkeit mindern. Als Ausweg sah die Runde eine stärkere Verlagerung von Regelungen auf die betriebliche Ebene. Den gestiegenen Krankenstand interpretierten die Unternehmensvertreterinnen nicht als Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern als Folge wachsender Belastungen, insbesondere psychischer Art. Erfolgreiche Gegenmaßnahmen setzten auf flexible Arbeitsmodelle und mehr Mitbestimmung.

Mit Blick auf Künstliche Intelligenz mahnte Weber zu mehr Differenzierung und weniger Angst. „Die häufigste Frage, die mir derzeit gestellt wird, lautet: Welcher Job ist eigentlich KI-sicher? Meine Antwort: Ein wirklich sicherer Job wäre einer, der vom technologischen Fortschritt komplett abgekoppelt ist – ohne Veränderung, ohne Produktivitätszuwächse, letztlich auch ohne steigende Löhne. Ein solcher Job ist weder attraktiv noch zukunftsfähig.“ Entscheidend sei nicht, so Weber, sich vor KI zu schützen, sondern sich mit ihr weiterzuentwickeln. Das eigentliche Problem sei nicht Jobverlust, sondern fehlende Dynamik: „Die Leute leiden nicht unter KI, sondern unter zu wenig neuen Jobs.“

Am Ende der lebhaften Diskussion blieb der Befund: Die Transformation der Arbeitswelt ist Gemeinschaftsaufgabe. Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, Politik braucht Praxisnähe. Oder, wie es aus der HR-Perspektive formuliert wurde: „Wir wünschen uns klare Regeln, die auch umsetzbar sind.“ Vertrauen, so der Tenor des Abends, wird dabei zur entscheidenden Währung.

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