7 Fragen in 7 Minuten #27 – Wer KI wirklich nutzt
Steffi Michailowa, Head of Learning & Development bei thermondo
thermondo ist ein Scale-up mit einer klaren Mission: raus aus der fossilen Heizung, rein in die Wärmepumpe. Steffi Michailowa verantwortet dort als Head of Learning & Development die KI-Befähigung von rund 1.000 Menschen, vom Case Worker bis zur Führungskraft. Im Interview erzählt sie, wie thermondo mit Prompt-Athons und einer Makers Guild aus Berührungsängsten Handlungskompetenz macht. Und warum die spannendste Frage nicht lautet, was KI kann, sondern wer sie wirklich nutzt.
1. „KI-Adoption" klingt nach einem Thema für die ganze Firma. Aber thermondo ist ein Unternehmen mit großer operativer Mannschaft, nicht nur Schreibtisch. Wen meinst du wirklich, und wo habt ihr angefangen?
Unsere DNA ist ungewöhnlich: Wir sind ein Scale-up, das das Handwerk digital denkt. Angebotserstellung, Planung, all das war bei uns früh digitalisiert. Aber das Geschäft hat sich radikal verändert: Eine fossile Heizung war ein Team, ein Stopp, rein und raus. Eine Wärmepumpe sind drei Gewerke und drei Stopps pro Kunde.
“Diese neue Komplexität verlangt eine Plattform, die AI-ready ist, und Menschen, die damit umgehen können.”
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Diese neue Komplexität verlangt eine Plattform, die AI-ready ist, und Menschen, die damit umgehen können. Angefangen haben wir im letzten Jahr ganz konkret bei den Case Workern: mit der simpelsten Frage überhaupt. Wie prompte ich eigentlich?
2. Und wie weit reicht das heute?
Heute gilt bei uns ein einfaches Prinzip: Jeder kann AI. Alle rund 1.000 Menschen haben mindestens ein digitales Endgerät mit einer Pro-Lizenz, jeder kann sich eigene GEMs bauen. Und wir fordern das auf jeder Ebene ein: Sich mit AI zu beschäftigen ist kein Angebot, sondern Erwartung. Der Effekt ist konkret: Nicht-Muttersprachler verschicken plötzlich mühelos ihre Mails. Die Case Worker arbeiten mit AI-Prozessen und einem Menschen in der Schleife, der alles genau im Blick behält. Im Sales gibt es einen eigenen Chatbot, der sogar das Training übernimmt: Rollenspiele mit der KI per Voice, mit direktem Feedback. Und ja, auch die Handwerker können ihre KI-Skills erweitern.
“Heute gilt bei uns ein einfaches Prinzip: Jeder kann AI. (...) Sich mit AI zu beschäftigen ist kein Angebot, sondern Erwartung.”
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3. Bei KI wird viel über Angst geredet. Welche Angst, die du erwartet hast, ist nie aufgetaucht, und welche hat dich überrascht?
Ich bin da völlig biased: Ich habe keine Angst vor neuen Lernfeldern, ich liebe es, Dinge auszuprobieren. Deshalb hat mich weniger eine erwartete Angst überrascht als eine, mit der ich nicht gerechnet habe. Eine Bewerberin für eine Führungsposition sagte mir, sie sei unsicher im Umgang mit KI. Das hat mich ehrlich geschockt: Von einer Führungskraft erwarte ich genau diese Offenheit. Was ich immer wieder sehe: Wer null Berührung mit KI hat, reagiert oft mit Ablehnung. Das ist allerdings kein Einzelfall. Auf der OMR 2026 brachte es Philipp Klöckner auf den Punkt: Trotz des enormen medialen Hypes würden nach wie vor „99,7 Prozent der Menschen nicht für KI bezahlen." Gleichzeitig hätten weiterhin nur rund 20 Prozent der Mitarbeitenden überhaupt Zugang zu KI-Tools im Arbeitsalltag (OnlineMarketing.de).
Das finde ich erschreckend, weil so wenige sehen, was auf sie zukommt. Es gibt ein aktuelles Buch von Andreas O. Loff mit dem perfekten Titel dazu: „Das geht nicht mehr weg“ (2026 erschienen). Trotzdem ruhen wir uns nicht aus: Wir müssen KI noch viel stärker im Alltag verankern.
“Wer null Berührung mit KI hat, reagiert oft mit Ablehnung. (...) Wir müssen KI noch viel stärker im Alltag verankern.”
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4. Prompt-Athons und Makers Guild klingen erstmal nach netten Events. Was passiert da konkret, das ein normales KI-Training nicht schafft?
Der Prompt-Athon leitet sich vom Hackathon ab. Das Format ist simpel: 15 Minuten Einführung, dann Verständnis aufbauen. Also beispielsweise, dass eine KI im Kern ein Wahrscheinlichkeitsrechner ist. Danach kommen Praxisaufgaben: eine automatisierte Kundennachricht, eine Excel-Formel, eine Präsentation. Die Teilnehmenden probieren erst ohne Anleitung, dann kommt der Input zum besseren Prompten. Runde zwei, und siehe da: Der Output wird sichtbar besser. Genau dieser Aha-Moment ist der Punkt. Inzwischen sind wir weiter: Es gibt keine Prompt-Athons mehr, unsere Leute wollen ihre eigenen GEMs bauen. Die Makers Guild war deswegen die nächste Stufe.
Dort haben Leuchtturm-Mitarbeitende echte Cases mitgebracht. Inzwischen sind wir alle weiter und nutzen für den Austausch einen Chat, um zielgerichteter und agiler voneinander zu lernen. Als Nächstes kommen Onboarding-Skills mit Claude, in drei Tracks. Der rote Faden bleibt: Community und Best-Practice-Sharing, übrigens auch bei den Führungskräften.
5. Was ist die größte Selbsttäuschung, die du beim Thema KI im Lernen beobachtest?
Die Selbsttäuschung beim Thema KI ist im Grunde dieselbe wie beim Lernen überhaupt. Ich bin agiler Lerncoach und glaube an individuelles Lernen, nicht ans Gießkannenprinzip. Meine Lieblingsfrage lautet deshalb immer: Braucht es dafür überhaupt ein Training? Und dann: Will jemand nicht, oder kann er nicht, weil ihm die Fähigkeit fehlt? Das sind zwei völlig verschiedene Probleme. Natürlich kann ich massenhaft E-Learnings produzieren, nur löse ich damit nichts. KI macht mich schneller in der Produktion von Content, aber sie nimmt mir die eigentliche Frage nicht ab. Genau deshalb halte ich KI-Avatare für überflüssig: Sie kaschieren das Problem, statt an die Wurzel zu gehen. Und ehrlich gesagt richtet sich das weniger an andere L&D-Teams als an manche Anbieter.
“KI macht mich schneller in der Produktion von Content, aber sie nimmt mir die eigentliche Frage nicht ab.”
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6. Gab es in deiner Laufbahn eine Fähigkeit, die zum Wendepunkt wurde, und würdest du sie jungen L&D-Menschen heute noch empfehlen, oder hat KI das verändert?
Eine Fähigkeit, die zum Wendepunkt wurde, war das Vortragen. An der Uni musste ich mich in einem Kurs entscheiden, ob ich einen Vortrag halte oder ein Paper schreibe. Beides war ein Graus für mich. Ich habe mich für den Vortrag entschieden und bekam ein großartiges Feedback. Das war der Kipppunkt: Seitdem macht es mir richtig Spaß, heute gibt es mir Energie. Und meine Antwort auf den zweiten Teil ist klar: Gerade im Zeitalter von KI wird das wichtiger, nicht unwichtiger. Als Mensch präsent zu sein und andere im richtigen Moment mitzunehmen und zu gewinnen: Das bleibt ein wesentliches Asset für jede Karriere, egal wie gut die Tools werden.
7. Zum Schluss: Was ist das Unklügste, das du je eine KI gefragt hast?
(lacht) Ich wollte allen Ernstes von einer KI wissen, was weniger Kalorien hat: ein Big King oder ein Long Chicken. Die Antwort, falls es jemanden interessiert: das Long Chicken. Wobei beides natürlich eine ziemlich schlechte Idee bleibt (lacht)
“Gerade im Zeitalter von KI wird es wichtiger, nicht unwichtiger, als Mensch präsent zu sein und andere im richtigen Moment mitzunehmen und zu gewinnen.”
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